Tor Ulven, Ablösung

Tor Ulven, Ablösung

Uff, zunächst bin ich nicht warm geworden mit diesem Roman. Dennoch konnte ich mich nicht entscheiden, ihn ungelesen an die Seite zu legen. Etwas hat mich daran fasziniert, ohne dass ich es direkt benennen konnte. Und nun bin ich froh, drangeblieben zu sein, ihn komplett gelesen zu haben.

Der Roman ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Ich weiß nicht einmal, ob ich ihn angemessen würdigen kann. Doch vielleicht beginne ich mit einem Zitat:

Du verstehst nicht, wovon sie eigentlich redet, verstehst aber, dass du es nicht verstehst, und du denkst, keinesfalls, unter keinen Umständen würde sie eine solche Frage stellen, oder eine solche Geschichte auf solche Weise erzählen, oder kann es sein, dass du dir das nur einbildest, weil du sie nicht gut genug kennst, eigentlich überhaupt nicht kennst, vielleicht würde sie (und der Gedanke widert dich an) genau eine solche Frage stellen und eine solche Geschichte auf solche Weise erzählen, obschon sie, wie es heißt, gar nicht so wirkt, aber vielleicht ist sie gar nicht so spontan.

So ähnlich ist es mir manchmal gegangen. Ich lese, verstehe jedes Wort, doch bleibt mir der Zusammenhang zum vorher Gelesenen zunächst unklar. Statt einer zusammenhängenden Handlung liest man detaillierte Beschreibungen von Alltagsgegenständen – etwa die Auflistung aller in einem Kühlschrank vorhandenen Lebensmittel, die eine Person wahrnimmt, weil sie etwas Bestimmtes sucht, aber nicht finden kann – oder die Assoziationen des Erzählers bei der Erinnerung an einen Schlagzeuger und dessen Trommelschlegel:

„Er schlug die Trommelschlegel in Stücke, donnerte drauflos, sodass die Späne buchstäblich rings um ihn her sprühten, steinharte Randschläge, und oft stelltest du dir vor, wie er allmählich nur noch mit dünnen, schlappenden Troddeln trommelte, nein, mit einem Paar zausiger Zahnstocher, am Ende mit nichts, er würde mit den Händen trommeln, sich Haut und Fleisch von den Händen heruntertrommeln, mit nackten Knochenfingern die Trommeln beklopfen, Schlag um Schlag, ohne Unterlass, bis dass die Handknochen bärsten und brächen, danach die Arme, die Beine, schließlich der Kopf, der Schädel auf die kleine Trommel hämmernd, und erst wenn die Schädelknochen zu Splitter und Staub zerhämmert wären, würde die Musik verstummen oder weiterspielen im Jenseits.“

Hier benutzt Tor Ulven ja noch Satzzeichen; es gibt ganze Passagen, in denen sie fehlen, was dem assoziiert Erzählten dann noch weitere Dynamik und Rastlosigkeit verpasst.

Ja und was genau wird erzählt? Das erschließt sich dem Leser eher vom Ende her. Es gibt so etwas wie einen Erzählrahmen. Ein etwa 80 Jahre alter Mann liegt im seinem mehr oder weniger dunklen Schlafzimmer, ein Gewehr steht neben seinem Bett. „Er ist vorbereitet.“

Worauf kann man nur erahnen. Er muss aufs Lesen verzichten, da die Glühbirne seiner Leselampe durchgebrannt ist. „Die Glühbirne kann er morgen wechseln.“ So endet der Roman. Am Anfang noch macht er sich Gedanken darüber, ob die Patronen für sein Gewehr überhaupt noch etwas taugen, da sie mehr als 40 Jahre alt sind. „Vielleicht sollte er sich neue leisten.“
Ob er das getan hat bleibt „im Dunkeln“ wie so vieles in diesem Roman, der gespickt ist mit Licht-/Dunkelmetaphern.

Dazwischen werden auf unnachahmliche Art und Weise Lebensausschnitte von Menschen unterschiedlicher Altersstufen erzählt, die zunächst nichts miteinander zu tun haben. Die Übergänge sind fließend, oft kaum erkennbar. Da werden die nächtlichen Ängste eines Jungen erzählt, ein Jugendlicher haut von zu Hause ab, wir begleiten einen Nachtwächter auf seinem Rundgang, einen schon älteren Mann auf einem Spaziergang mit einer Frau, die er zum ersten Mal küssen wird. Das kontinuierliche Älterwerden lässt die Vermutung aufkeimen, dass es Lebensstationen des alten Mannes sein könnten, aber nicht müssen. Vielleicht ist der Ehrgeiz, Kontinuität und Sinn zu finden, auch unangebracht.

Denn zumindest der alte Mann kommt am Schluss des Romans, am Ende seines Lebens, zu folgendem Fazit:
„Sein Leben war völlig vergeudet. Wäre er nie geboren worden, hätte es keinen Unterschied gemacht. Wer nie geboren wird, den vermisst niemand, und der Ungeborene vermisst nicht das Leben.“

Leitmotivisch zieht sich die Beschreibung verschiedener Lichtverhältnisse durch den Roman, von „stockdunkel bis zum terroristisch weißem Licht“ sind alle Lichtnuancen mit ihren physischen und psychischen Auswirkungen beschrieben – faszinierend, wenn man sich darauf einlassen kann. Ich habe noch nie eine so detailreiche, fein beobachte, sich über zwei Seiten erstreckende Beschreibung einer Fliege in einer Deckenleuchte gelesen – zu lang um sie zu zitieren.

Es ist ein Roman, der – zumindest meine Lesegewohnheiten – durchkreuzt. Man muss die Bereitschaft haben, sich auf die mit zahlreichen, oft sehr poetischen Adjektiven, Einschüben von Assoziationen, scheinbar unzusammenhängenden Begebenheiten einzulassen – dann kann es zu einem Lesevergnügen werden.
Denn Tor Ulven kann mit Sprache umgehen; sein Blick auf Leben, auf Menschen ist allerdings sehr düster. Das Meiste geschieht dann auch nachts, im Dunkeln, das allerdings nie ganz dunkel ist. Und: Man kann zumindest am nächsten Tag noch die Glühbirne austauschen.

Tor Ulven, Ablösung, Roman, a.d. Norwegischen v. Bernhard Strobel, Literaturverlag Droschl, Graz 2019, 140 S., ISBN 978-3-99059-034-8

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