Viktoria Faulhaber, Ach, wenn ich doch wär‘ ein Schatten im Sein

Viktoria Faulhaber, Ach, wenn ich doch wär‘ ein Schatten im Sein

Dieses Bändchen enthält „Lyrische Briefe“, die die Autorin in einer Sitation verfasst hat, als sich die „Liebe ihres Lebens“ von ihr getrennt hat. Es sind Briefe, die ihre seelische Not und Verzweiflung widerspiegeln. Briefe, die sicher für die Autorin therapeutische Funktionen gehabt haben, mit deren Hilfe sie sich den Weg ins eigene Leben zu ebnen versucht.

Warum dies nicht ganz einfach ist, macht ein Satz ihrer Großmutter deutlich, den die Autorin im Vorwort ihren Briefen voranstellt:
„Wenn du mir immer widersprichst und nicht gehorchst, werde ich mir ein Kind aus dem Heim holen, und dich werde ich dafür fortschicken!“

Ein für ein Kind „tödlicher“ Satz, der jede Individualität, jedes Ausprobieren, jede Selbstständigkeit im Keim ersticken muss. Ein Satz, der die Autorin auf der Suche nach Anerkennung und Liebe durch ihr Leben treibt.

Der erste Brief ist eigentlich der letzte, sozusagen der Schlussstrich unter ihre Beziehung: „Ich habe das Band zwischen uns getrennt für immer, ohne Umkehr. Ich bin frei!“

Die folgenden Briefe machen nur ansatzweise deutlich, wie sie dorthin gelangt ist. Im Gegenteil, sie schildern in schlagerähnlichen Metaphern Liebe als etwas Absolutes, als Magie, die verzaubert, als ein ewiges Band, das unendlich, unzerreißbar ist. Ihre Briefe sind adressiert „An meine immerwährende Liebe“, die ihr Alles ist. „Du bist mein Leben.“ Wer also kann sie ohne sie sein? Nur ein Nichts!

Ebenso absolut wird dann auch der Verlust dieser Liebe erlebt. Man liest von unendlicher Traurigkeit, von Übermacht, Leere, gepaart mit Adjektiven wie „immer“, „ewig“, „absolut“. Das muss zwangsläufig wohl so sein, wenn der Liebste das eigene Leben ist. Ohne ihn ist man dann eben nichts. Geht er, so herrscht gefühlte „absolute Leere“. Sämtliche Bemühungen und Wünsche richten sich darauf, das Verlorene wiederzubekommen: „Eine Sternschnuppe, vielleicht zeigt sie Dir den Weg zu mir. … Tausend Nächte will ich Dir schenken. Tausend Tage, tausend Morgen sollen uns gehören. Ich werde dich mit meiner Liebe betören.“

Nach einiger Zeit ist sie dann doch in der Lage, über sich und ihr Verhalten zu reflektieren: „Er hat mir die Augen über mein Verhalten geöffnet, und ich fange an, über mein Leben nachzudenken.“

Man mag der Autorin wünschen, dass diese Briefe für sie Vorbereitung sind für ein selbstständiges liebevolles Leben, vielleicht mit einer neuen Liebe, in der das Ich in all seiner Vielfalt gleichberechtigt Platz neben dem Wir hat.

Viktoria Faulhaber, Ach, wenn ich doch wär‘ ein Schatten im Sein. Lyrische Briefe, Berlin 2013, 128 S., ISBN 978-3-8280-3090-9

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