Tilman Jens, Abschied von meinem Vater

„Abschied nehmen – das heißt reinen Tisch zu machen, bevor man für immer auseinander geht. Abschied ist die unwiderruflich letzte Chance zur Offenheit – im Angesicht des absehbaren Endes.“

Diese Offenheit ist Tilman Jens nicht mehr vergönnt angesichts der fortschreitenden Demenz seines Vaters, der über seinen tatsächlichen Zustand in Unkenntnis gelassen wird, weil seine Frau einen erneuten Rückfall Walter Jens in eine heftige Depression vermeiden will. Dennoch nimmt der Sohn Abschied auch von einem Bild des Vaters, das heftige Sprünge bekommt, als der Sohn bemerkt, wie sein Vater mit der eigenen NS-Vergangenheit umgeht, er der anderen gegenüber stets so gnadenlos aufklärerisch gehandelt und geurteilt hat.
Das Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit der Frage aktiver Sterbehilfe, die in gesunden Tagen favorisiert worden ist für den Fall, dass Walter Jens nicht mehr Herr seiner Sinne, seines Schreibens sein sollte: „Nicht-mehr-schreiben-zu-können heißt: Nicht-mehr-atmen-zu-können. Dann möchte ich tot sein. Wenn ich nicht mehr schriebe, es auf lange Zeit nicht mehr könnte, dann ist es Zeit zu sterben, ohne falsches Pathos.“
Dieser Wunsch, geäußert in gesunden Tagen, kann von der Familie nicht umgesetzt werden: „Ein Zwar-ist-es-schrecklich-aber-schön-ist-es-manchmal-noch-immer ist kei-ne Grundlage, um einen schwerkranken Mann aus der Welt zu schaffen.“ Und „schön“ ist die Welt für Walter Jens wieder, als sich eine robuste Bäuerin um ihn kümmert, die ihn mag, ihm auch weitgehend unbefangen gegenübertreten kann, weil sie mit ihm keine gemeinsame Vergangenheit hat, wie seine Frau, die dieser Zeit – verständlicherweise – nachtrauert. Sie eröffnet ihm Zugang in eine Art „Kinderwelt“ mit Tieren, die gefüttert werden wollen und Lebendigkeit und Wärme vermitteln, die der Demenzkranke unmittelbar erleben, an der er sich sichtlich erfreuen kann.
Ein Buch, das einen in mehrfacher Hinsicht sehr nach-denklich zurücklässt – auch angesichts der eigenen Endlichkeit und der Möglichkeit, diese nicht gesund zu erreichen.

Tilman Jens, Demenz. Abschied von meinem Vater, 2. Aufl. 2009, Gütersloh, 142 S., ISBN 978-3-579-06998-2

Datum: 22. September 2011
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4 Kommentare

  1. Wildgans | Donnerstag, 22. September 2011 16:18
    1

    trostvoll- das mit der bäuerin! wusste ich gar nicht. nun ja, habe bis jetzt das buch nicht gelesen.
    gruß von sonja

  2. Siri | Donnerstag, 22. September 2011 17:24
    2

    Leben scheint immer sinnvoll zu sein. Selbst dann, wenn wir es uns nicht vorstellen können. danke für den Buchtipp. Grüße von Siri

  3. 3

    […] Tilman Jens in “Abschied von meinem Vater” schreibt auch Arno Geiger von seinem an Demenz erkrankten Vater. Doch im Gegensatz zu Jens […]

  4. 4

    […] Leben trotz Demenz möglich sein können, während bei Tilmann Jens in  ”Abschied von meinem Vater“ mehr im Vordergrund steht, was die Krankheit mit jemandem macht, dessen […]

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