Wilhelm Schmid, Unglücklichsein

In diesem kleinen Büchlein nimmt Schmid die in der westlichen Welt so verbreitete Suche bzw. Jagd nach dem Glück unter die Lupe:
Was ist, wenn das Glück mich nicht findet?
Macht Glück immer glücklich? so die Titel der ersten beiden Kapitel.

Er weist den Leser darauf hin, dass ewige Zufriedenheit ja Stillstand bedeuten würde und dass zur Fülle des Lebens nicht nur das Positive gehört. Lebenskunst besteht nach Schmid darin, „der Mehrdimensionalität des Lebens“ gerecht zu werden, indem man sie anerkennt und lernt, damit umzugehen.

Gewiss hat der Mensch die Definitionshoheit über das, was in seinem Leben passiert, er kann „Dinge so interpretieren …, dass sie lebbar werden, denn nicht das, was uns zustößt, ist bedrückend, sondern unsere Meinung darüber.“ Aber „das bloße Positivdenken unterminiert die Sensibilität für Probleme und für berechtigte Kritik, es ist kein lernendes System.“ Eine klare Absage an das so verbreitete Credo: think positiv!

Schmid bricht eher eine Lanze für die Melancholiker, die im alltäglichen Sprachgebrauch oft als Depressive und damit als Kranke bezeichnet werden, denen man helfen muss, ihre trübe Weltsicht zu verscheuchen. Für ihn sind sie vielmehr die Sensiblen, die Seismografen, auf die unsere Gesellschaft nicht wirklich verzichten kann, will sie nicht stillstehen oder gar untergehen.

„Die Stärke der Melancholiker ist ihre Sensibilität, ihr Gespür für Sinn und dessen Fehlen; darin besteht ihr Geschenk an die Gesellschaft. … Erheblich früher als die Glücklichen bemerken die Unglücklichen eine Gefahr, eine Fehlentwicklung, ein Unrecht und eine Ungerechtigkeit. Eher als bei den Optimisten findet sich Mitgefühl bei den Melancholikern.“

Doch auch sie können Glück empfinden, vor allem, wenn sie in „Zeiten des Unglücklichseins Menschen kennen, mit denen über alles geredet werden kann. … Reden hilft, Schweigen nicht, es sei denn das Schweigen zwischen Menschen, die sich ohne Worte verstehen.“

Dazu gehört, dass sie das Sisyphos-Schicksal und die Einsamkeit der Existenz als wesentlichen Bestand des Lebens, also „das Unglücklichsein als Möglichkeit des Menschseins“ akzeptieren.

Ein lesenswertes, gut verständliches Buch, nicht nur für Melancholiker!

Wilhelm Schmid, Unglücklichsein, Eine Ermutigung, Berlin 2012, 103 S., ISBN 978-3-458-17559-9

Datum: 30. Oktober 2013
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6 Kommentare

  1. Sonja | Mittwoch, 30. Oktober 2013 11:14
    1

    „Definitionshoheit“, was für ein gutes Wort!
    Scheint eine Art Daseinsberechtigung für Melancholiker zu sein, wovon sich immer noch eine Menge vorzeitig von dieser Welt verabschieden wollen. Sollen sie doch lieber hier lesen!!!

  2. mona lisa | Mittwoch, 30. Oktober 2013 11:22
    2

    Sonja, hier lesen
    oder besser noch: das Buch lesen!!

  3. seelenruhig | Mittwoch, 30. Oktober 2013 17:21
    3

    Lustig, über das Wort „Definitionshoheit“ bin ich auch gestolpert – genau wie Sonja.

    klingt ja interessant!!

    liebe Grüße von Ellen

  4. 4

    […] von Friedrich Hollaender, 1. Strophe gefunden in: W. Schmid, Unglücklichsein, S.58, gesungen wurde das Lied u.a. von Marlene Dietrich u. Udo […]

  5. mona lisa | Donnerstag, 31. Oktober 2013 16:17
    5

    Seelenruhig, mir gefällt das Wort ganz ausgezeichnet!!

  6. 6

    […] Literaturliste im Anhang auf, die Hinweise gibt es im laufenden Text. Es gibt nur Hinweise auf weitere Publikationen des […]

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