Kathrin Wessling, Morgen ist es vorbei

Nach ihrem äußerst erfolgreichen Debütroman „Drüberleben“ ist nun ihr erster Erzählband mit 14 Erzählungen erschienen.
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Thema aller Erzählungen: Liebeskummer junger Leute in allen möglichen Variationen, die sich dann im Laufe der Erzählungen ähneln und wiederholen. Entgegen der Vermutungen, die das Titelbild nahelegt, dass es „nur“ um „weiblichen“ Liebeskummer geht, sind die Protagonisten der Erzählungen sowohl Frauen als auch Männer, die unter Liebeskummer leiden, ihn aber schon unterschiedlich ausagieren.

Dass und wie sie leiden, beschreibt Kathrin Wessling sehr eindringlich; die Trauer, die Leere, die Einsamkeit und Verlassenheit, das Nichtwissen, wohin mit dem Schmerz ist nachvollziehbar. Herr Tremper weiß – wie die Autorin – seinen Kummer sprachlich zum Ausdruck zu bringen und zu nutzen:

„Das ist nicht, als würde einem der Arm abgehackt, das ist, als würde einem erst der Kopf, dann das Herz abgetrennt, als würde man danach ausgeweidet und vor einen Laster geworfen, dann verbrannnt und verstreut, und dann das Ganze noch mal von vorne. Natürlich ist das übertrieben, aber nah an der Wahrheit. Sie hat ein Stück blutendes, zerfetztes Fleisch aus dir gemacht. Unfähig, auch nur einen Satz zu sagen, in dem sie nicht vorkommt.“

Der, der so die körperlichen Auswirkungen seines Liebeskummers beschreibt, ist Journalist und redet medienwirksam in Talkshows darüber. Man könnte auf die Idee kommen, der Liebeskummer sei Teil einer Promotionkampagne für sein neues Buch „Wilde Westen“.

Natürlich wird der Leidende und damit auch der Leser mit den vielen gut gemeinten, aber nicht wirklich hilfreichen Ratschlägen konfrontiert.

„Sie sagen, es wird irgendwann leichter. Irgendwann vergisst du, sagen sie, daran zu denken. Dann ist es vorbei. Ich schaue ein bisschen irritiert, weil ich doch gar nicht will, dass es vorbei ist.“

Wie das? Den „Bumerang aus Stacheldraht im Herzen“ nicht loswerden wollen?

So, wie sich viele Protagonisten erst durch die Liebe, die Anwesenheit eines anderen gespürt haben, sich aushalten konnten, das Gefühl hatten, gesehen, verstanden zu werden, so tritt der Liebeskummer nach der – meist ungewollten – Trennung an diese Stelle mit all seinen körperlichen, seelischen und geistigen Auswirkungen. Wie auch immer: Man spürt sich im Leid, im Kummer. Und das ist offensichtlich immer noch besser, als die eigene Leere, das Gefühl von Sinnlosigkeit auszuhalten:

„Ich halte es in mir nicht aus, in diesem Vakuum, in diesem Kreis, in dem ich mich immerzu um mich selbst drehe wie einer, der zwei ist.“

Sind Menschen, die sich selbst nicht aushalten, sich aber fast ausschließlich um sich selbst drehen, sich fragen, wie komme ich an, wie wirke ich, was denken die anderen von mir, wie kann ich das beeinflussen, so dass ich möglichst gut dastehe, überhaupt beziehungsfähig? Auf jeden Fall sind es Menschen, die sich selbst verloren haben:

„Ich war in einem Dazwischen verloren gegangen, zwischen Lucas Beinen, zwischen einem Rausch und dem nächsten.“und nicht immer sind es Drogenräusche. Viele der Beziehungen haben suchtähnlichen Charakter:

„Ich hatte nicht geliebt und nicht begehrt, ich hatte nur gewollt, gezetert, getreten und gejammert, ich hatte mich so völlig verirrt und geirrt, dass ich am Ende nichts hatte außer Kopfschmerzen und eine blutige Nase und Heimweh nach einem Zuhause, in dem niemand war und niemand wartete und niemand mich je erwartete.“

Den anderen haben wollen, Spuren auf ihm zu hinterlassen, ist das Ausdruck von Liebe? Im Sinne Erich Fromms ist das eher Ausdruck von Abhängigkeit, auf jeden Fall Liebe, die jemanden braucht, um sich selbst zu fühlen.

Der nachdenkliche Leser bleibt mit vielen eigenen Fragen zurück und vielleicht mit dem Wunsch, dass der herzzerreißende Liebeskummer von den Betroffenen als Chance angesehen werden kann, sich auf den Weg ins eigene Zuhause zu machen, damit dann wirklich irgendwann das Leiden ein Ende hat, wenn auch sicher nicht schon morgen.

Dem Cover – eine schwarz-pinkfarbene, auf Stramin gestickte junge Frau – nach zu urteilen ist der Erzählband fälschlicherweise ans weibliche Publikum zwischen 20 und 30 Jahren gerichtet. Schade eigentlich! Denn das Buch hat für einen viel größeren Adressatenkreis etwas zu bieten.

Mir war allerdings auf Dauer das um sich Selbstkreisen der Protagonisten um ihren Liebeskummer eher zu viel, da die meisten Erzählungen keine wirkliche Handlung haben, sondern eher „Seelenzustände“ der vom Liebeskummer betroffenen in epischer Breite darlegen. Die Erzählungen nach und nach zu lesen ist m.E. sinnvoll.

Kathrin Wessling, Morgen ist es vorbei, Luchterhand Verlag, München 2015, 205 S., ISBN 978-3-630-87494-4

Datum: 25. Oktober 2015
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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