Kathrin Weßling, Super und dir?

Nach „Drüberleben“ und „Morgen ist es vorbei“ ist nun ihr dritter Roman erschienen, der von Marlene Beckmann erzählt, einer Social Media Managerin, die an diesem Tag 31 Jahre alt wird.

„Heute ist mein Geburtstag. Ich bin einunddreißig Jahre alt, mein Körper wohl eher einhundertfünf – zumindest fühlt er sich so an. Emotional bin ich so unreif, dass auch ich den vierten Anruf meiner Mutter an diesem Tag ignoriere.“

Statt Geburtstagsfeier mit Freunden ist dieser Geburtstag für Marlene eher ein (Horror-) Tag, wie sie viele in den Tagen, Wochen und Monaten davor bereits erlebt hat.

Da gibt es viele „Vielleichts“ in ihrem Denken, Sätze im Konjunktiv II und im Gegensatz dazu Sätze im Indikativ, die ihre tatsächliche Situation beschreiben:

„Ich würde gerne aufstehen, mein Gesicht waschen und die Zähne putzen, lüften, abwaschen, den Müll runterbringen und einkaufen. Ich wünschte, es wäre gerade einmal halb elf am Morgen und nicht schon achtzehn Uhr abends.“ Und es folgt ein längerer Abschnitt, wie ihr Geburtstag aussehen könnte und mit wem sie ihn gerne feiern würde.

„Stattdessen schiebe ich langsam die erste von zwei Decken weg, unter denen ich mich begraben habe, … hieve meinen monströs schweren Körper aus dem Bett, setze mich auf den Rand der Matratze, greife nach dem Spiegel auf dem Nachttisch und versuche nicht hineinzusehen, während ich die erste Linie des Tages langsam durch meine wunde Nase ziehe.“

Alkohol und Drogen jedweder Art sind Bestandteil ihres Alltags und Freunde wie Ronny, die dafür sorgen, dass es allen gut geht:
„‚Freunde, ich möchte, dass es euch allen gut geht.‘ Und wir, seine Freunde, grinsen breit und nicken. Uns geht es gut. Uns geht es ja sowas von gut.“

Die Frage verschiedener Menschen, wie es ihr geht, beantwortet sie automatisch mit „Super, und dir?“ Und keiner merkt oder will wahrhaben, wie schlecht es ihr wirklich geht, nicht einmal der Familienarzt bemerkt ihren wirklichen Zustand und ihre Hinweise darauf, dass sie abhängig ist.
Vielleicht auch kein Wunder, da Marlene vor sich selbst verbirgt, wie schlecht es ihr geht. Sie will selbst nicht wirklich wahrhaben, was sie wahrnimmt: Dass sie dabei ist, sich selbst abhanden zu kommen.

„Man sieht nicht wie das Mädchen ertrinkt, ganz im Gegenteil. Es reitet die Wellen, während der Sturm aufzieht, und es lächelt, es winkt den anderen zu, schon viel zu weit vom Strand entfernt, Wasser in den Lungen, Wasser im Kopf, und ruft: Alles in Ordnung, es geht mir sehr, sehr gut!“

Der Roman ist ein Rückblick auf Marlenes bisheriges Leben, ihren Vorstellungen von Leben, von Liebe und Freundschaft, das selten im Einklang mit ihrem tatsächlichen Leben ist, auch wenn das scheinbar und an der Oberfläche der Fall ist. Sie hat studiert und arbeitet nun in einem Beruf, der ihr immer erstrebenswert erschien, hat scheinbar alles im Griff, alles unter Kontrolle, „die Dinge und die Menschen darin, und ich, ich war es auch.“

Sie lebt also scheinbar ihren Traum vom Leben, der aber inzwischen sie unter Kontrolle hat. Der Job lässt ihr offensichtlich kein Privatleben mehr, ständige Konkurrenz, der Druck, auch außerhalb des Jobs mit Arbeitskollegen abzuhängen, denn auch das ist Teil des Jobs- und Joberhalts, notwendige Erholungsphasen fallen aus. Statt dessen Schlafmangel, Gewichtsverlust und Drogen, die ihre nachlassende Konzentrationsfähigkeit erhöhen sollen, vielleicht auch die aufkeimende und immer stärker werdende Frage nach dem Sinn ihres Jobs, dem Sinn ihres Lebens oder der Frage, wer sie wirklich ist, nicht wer sie sein will.

Nur was passiert, wenn die Kraft zur Kontrolle langsam nachläßt, weil die Erschöpfung übermächtig zu werden droht und der Umgang mir ihr ebenfalls kräftezehrend wird, Marlene mehr Geld am Tag für Zigaretten und Coffee to Go ausgibt als für Lebensmittel, vor ihrem Freund verbirgt, wie es ihr wirklich geht? Folge davon ist eine zunehmende Entfremdung und fehlender Rückhalt in der Beziehung, den sie doch gerade so dringend bräuchte.

„Ich wusste, es würde zum Zusammenprall, zum Zusammenbruch kommen, wenn ja, wenn ich nicht ab jetzt oder zumindest ab morgen, na gut ab nächster Woche mit dem Irrsinn aufhören und wirklich nie wieder oder nur in Ausnahmefällen, auf jeden Fall viel seltener, höchstens dreimal die Woche, so leben würde wie jetzt.“

Der Zusammenbruch kommt still daher. Es ist einfach nur die Weigerung, eines Morgens aufzustehen:

„Nein. Ich stehe nicht auf, ich gehe nicht duschen, ich ziehe meine Jacke nicht an und ich gehe auch nicht aus dem Haus. Ich trinke keinen schlechten Kaffee, ich steige nicht in den Bus. Ich stelle dieses Nein nicht in Frage, denn diese Antwort duldet keine Widerrede.“

Kathrin Weßling ist ein überzeugender Roman gelungen, der die Situation der Protagonistin Marlene gut nachvollziehbar und vor allem nachfühlbar macht. Es ist ein Roman für junge Menschen, die nach ihrem (Hoch-) Schulabschluss vor ihrem Berufseinstieg stehen und sich mit der Frage auseinandersetzen, was will ich im Leben erreichen, welchen Preis will ich dafür bezahlen. Und: Gehören Selbstaufgabe und Selbstverleugnung dazu?

Kathrin Weßling, Super, und dir?, Ullstein Verlag Berlin 2018, 255 S., ISBN 978-3-96101-010-3

Datum: 8. Juni 2018
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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