Matthias Lohre, Das Erbe der Kriegsenkel

Es gibt inzwischen zahlreiche Bücher über „Kriegskinder„, „Kriegsenkel“ oder „Nebelkinder“. Matthias Lohres Buch ist ein sehr persönliches, das seine Suche und den Weg aufzeigt, zu verstehen, „Was das Schweigen der Eltern mit uns macht“ – so der Untertitel.

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Matthias Lohre erlebte eine Kindheit „auf Zehenspitzen“. Es war eine Welt mit doppeltem Boden und heimlichen Regeln, vor allem ein Zuhause, in der es die Frage nach dem Warum nicht gab, stets gefangen in der kindlichen Annahme, „dass wir etwas „falsch“ gemacht haben mussten, dass sie (die Eltern) wütend oder traurig gemacht hatte.“

Denn ein Grund für ihre Wut, ihre Traurigkeit war für das Kind nicht auszumachen, nicht zu erkennen und zu begreifen, also lag es nahe, die Schuld bei sich zu suchen und alles zu tun, dass es nicht wieder vorkam. Das hieß aber auch, dass eigene Gefühle nicht wahrgenommen werden durften. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Sein Lebensgefühl war geprägt durch extreme Schuldgefühle und das Gefühl, für das Wohl der Eltern verantwortlich zu sein und sie dennoch nicht erlösen, glücklich machen zu können:

„Aber die Aufgabe, Euch glücklich zu machen, konnte niemand erfüllen. … Nie wart ihr zufrieden, nie konnte etwas gut sein. … Alles war immer zuviel. Immer war ich euch zuviel, dabei war ich doch nur ein Kind.“

Nach dem Tod seines Vaters begibt sich der Autor auf die Spuren seiner Eltern. Es ist der Versuch, sie, aber auch sich selbst zu verstehen und den Nebel, das Nichtgreifbare seiner Kindheit zu lichten, das auch im Erwachsenleben immer noch wirksam ist.

Lohre rekonstruiert durch Gespräche mit Verwandten und Zeitgenossen der Eltern, woher die Verletzungen seiner Eltern stammen, lernt – auch durch das Lesen entsprechender Literatur – dass sie, wie viele andere Eltern auch, ihre traumatischen Erfahrungen ihren Kindern vererbt haben, und kann daher allmählich verstehen, „wie diese das Leben ihrer Söhne und Töchter bis heute beeinflussen.“

Doch Wissen und Verstehen reichen nicht aus. Er muss für sich einen Weg suchen und finden, „mit diesem schmerzhaften Wissen umzugehen.“

Leitsätze seiner Kindheit wie: „Stell dich nicht so an!“ erschweren, Verständnis und Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln, die aber als „not-wenige und not-wendende Ergänzung“ zum Verständnis für die Eltern oder Großeltern gebraucht werden.

Zugang zu seinen Gefühlen zu finden, die doch in der Kindheit nicht gelebt werden durften, scheint der schwierigere Teil der Suche zu sein und erfordert „Übung, um kräftig zu werden. … Es ist harte Arbeit, jeden Tag. Aber es wirkt.“

Hilfreich für ihn ist auch der Hinweis von Udo Baer, einem Therapeuten, mit dem der Autor ein Interview führt, auf „das große UND“ das hilfreich ist, „zwiespältige Gefühle und Haltungen gegenüber seinen Eltern auszuhalten.“

Lohre erzählt, dass der kleine Junge in ihm endlich erkennt, dass er einen nicht zugewinnenden Kampf aufgeben muss, um Kraft für etwas Neues zu gewinnen:

Ich gebe auf.
Ich gebe den Versuch auf, meine Eltern glücklich zu machen. Ich kann es nicht. Ich bin nicht schlecht, klein oder dumm, weil es mir nicht gelungen ist. Es war von vornherein unmöglich. Niemand kann einen anderen Menschen retten, und das erkenne ich endlich, endlich an. Das tut mir sehr weh, aber es ist Zeit.“

Im Nachwort geht Lohre darauf ein, wie heutige „aufopferungsvolle“ Kriegsenkel, die kaum oder gar nicht gelernt haben, eigene Bedürfnisse zu entwickeln, Gefahr laufen, das eigene Kind zum Lebenssinn zu erklären und damit wiederum die Selbstständigkeit ihrer Kinder zu torpedieren. Und plädiert damit vehement dafür, sich den Nebeln der Vergangenheit zu stellen, im eigenen Interesse und dem der Kinder.

Lehrreiche, gut zu lesende Kost, schwer zu verdauen und dennoch heilsam, wenn man zu den Betroffenen gehört, die eine Kindheit „auf Zehenspitzen“ erlebt haben.

Matthias Lohre, Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, 254 S. plus Literaturliste, ISBN 978-3-579-08636-1

Datum: 22. März 2016
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3 Kommentare

  1. 1

    […] Mitscherlich, aufgelesen bei: Matthias Lohre, Das Erbe der […]

  2. Sonja | Dienstag, 22. März 2016 12:54
    2

    Stell dich nicht so an!
    Genau.
    Das werde ich lesen.
    Danke für deine gute Rezension!

  3. mona lisa | Freitag, 25. März 2016 9:47
    3

    Gern, ich wünsche dir, dass die Lektüre dir neue Einsichten vermitteln kann. Liebe Grüße!

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