Ich sehe dich (nicht mehr)

Ich sehe dich (nicht mehr)

“Sprich, damit ich dich sehe.”

(Sokrates)

Schweigen als probates Mittel der Konfliktlösung – eine Idee, der in meiner Ursprungsfamilie viele gefolgt sind.
„Bist du nicht für mich, dann bist du gegen mich. Und dann rede ich nicht mehr mit dir, weil das, was mir an dir nicht passt, für mich nicht mehr existiert.“ So platt wurde es natürlich nicht gesagt, lief aber darauf hinaus.

Leider wurde immer wieder vergessen, klar zu kommunizieren, was da nicht „passte“, wie ich nicht passte, offensichtlich gegen ungeschriebene Gesetzte verstoßen hatte, die man nur wirklich hat wahrnehmen können, wenn man dagegen verstieß. Doch da war es dann meist auch schon zu spät – für einen Dialog, für Verständigung, für Verstehen.

Man war draußen. Persona non grata. Ein feiner Titel.

Wenn’s „gut“ lief, war da noch ein Dritter, der einem zu vermitteln versuchte, wie man sich zu verhalten habe, was der Schweigende oft unausgesprochen erwartete.
Bestand man dann auf einem direkten Dialog mit dem, der mit einem ein Problem hatte, war man noch weiter draußen, denn der vermittelnde Dritte schwieg dann auch und mit ihm alle, die mit ihm zu tun hatten, auf „seiner Seite“ standen. Auch eine Form von Grabenkampf im Familienstellungskrieg.

Strafe – oft lebenslang, zumindest so lang, wie diese Menschen lebten.

In dem Film „An seiner Seite“ erzählt Senta Berger ihrem Film-Ehemann Peter Simonischek von einem Volk, dass zwar Todesstrafen verhängte, sie aber nicht vollstreckte, sondern den Verurteilten einfach nicht mehr wahrnahm, ihn nicht mehr ansah, nicht mehr mit ihm sprach.
Sie wurden zu Ausgestoßenen, Unsichtbaren und starben – alle.

Diese Erzählung und das Verhalten des „Star-Dirigenten“ seiner Frau gegenüber hat vieles in meiner Erinnerung wachgerufen, mir aber auch verdeutlicht, dass wir heute die Möglichkeit haben, unseren „Stamm“ zu verlassen, zu überleben und Resilenzien zu entwickeln, die es einem ermöglichen, auch außerhalb des Stammes zu überleben und einen eigenen Weg zu finden und zu gehen, weil es auch außerhalb Menschen gibt, mit denen man in Resonanz kommen, von denen man gesehen wird.

Den eigenen Weg zu gehen, bedeutet dann allerdings auch zu entdecken, wie wichtig es ist, mit sich selbst liebevoll in Resonanz zu kommen, etwas was viele „Stammesmitglieder“ als „Egoismus“ brandmarkten. Doch schon in der Bibel heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

„Wie dich selbst“ – dieser Satzteil hatte dort, wo ich herkomme, kaum bis keine Bedeutung – schade.

5 Gedanken zu „Ich sehe dich (nicht mehr)

  1. Dein Text tönt nach vielen Nadelstichen und tiefen Verletzungen.
    Das kenne ich in meinem früheren oder jetzigen Umfeld nicht.
    Den Film „An seiner Seite“ mit Senta Berger habe ich gesehen. Ich finde ihn grossartig und werde ihn mit höchster Bewertung weiter empfehlen.
    Ja, es ist unendlich wichtig, miteinander zu sprechen, einander zu s e h e n.

    Dir alles Liebe und herzlichen Gruss,
    Brigitte

  2. Es war/ ist schwierig den passenden Umgang, die passende Verarbeitungsstrategie zu finden und bei allem nicht „aus der Liebe“ zu fallen, auch wenn die nicht gesehen und angenommen wurde, wird.
    Ich genieße heute einfach die Sonne, solange sie scheint.
    Liebe Grüße

    1. Beim „Schimpfen“ ist da wenigstens noch Kontakt. Auf der anderen Seite lege ich auf solch „giftigen“ Kontakte auch keinen Wert mehr. Denn sie finden nicht auf Augenhöhe statt. Dir noch einen angenehmen Sonntagabend

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