Lisa Eckhart, Omama

Lisa Eckhart, Omama

Auftritte von Lisa Eckhart habe ich mehrfach im Fernsehen oder im Radio gesehen und gehört. Ich mag ihre sprach- und wortgewaltige Art, den Finger in die Wunde zu legen, sich auch nicht zu scheuen, die unterste (Sprach-) Schublade zu öffnen. Kann ich auch, kann man hier im Ruhrgebiet vielleicht sogar besonders gut. „Schnoddrige Schnauze“ nennt sich das hier. Daher war ich sehr gespannt auf ihren Roman „Omama“.

Im „Prolog“ erfährt man, dass die Großmutter kurz nach der Geburt der Ich-Erzählerin starb. Dennoch sieht sich die Erzählerin in der Lage, einen „Omama“- Roman zu schreiben: „Das Leben meiner Großmutter … hat sich fürwahr so zugetragen, wie ich es behaupten werde. Das soll mein Werk jedoch nicht schmälern. Dies ist eine Aufarbeitung – nur nicht die meine. Es bleibt dem Leser überlassen, ob er diese Biografie als Hommage oder als Rufmord erachtet.“

Und dann beginnt „Omama“ mit der Geburt der Ich-Erzählerin und deren Fokus auf menschliches Leben, eine Sicht, die im Laufe des Romans im Wesentlichen beibehalten wird:

„Ich war bereits vier Tage alt, verweigerte aber seit der Entbindung jede selbstständige Körperfunktion. Offenbar sah ich nicht ein, von der ausreichend unwürdigen Existenz eines uteralen Mitessers sogleich mit der nächsten Unzumutbarkeit des menschlichen Daseins konfrontiert zu werden – jener, fortan zu koten, die herrlichsten Speisen zu Stuhl zu entstellen und in Scham zurückgezogen aus meinem Leib zu exorzieren. Ich wollte nicht wahrhaben, dass meine neugewonnene Würde als Körpereigentümerin mit solch einer Abscheulichkeit verbunden sein sollte.“

Es dauert relativ lang, bis die Großmutter das erste Mal in Erscheinung tritt: „‚ Helga, schnell die Russen kommen!'“ Helga soll dafür sorgen, dass ihre Schwester Inge vor dem Russen und dessen Abscheulichkeiten, die ihm als Ruf vorauseilen, verschont bleibt. Inge ist offensichtlich die Schönere der beiden. Doch dann kommt alles ganz anders. Die Russen entpuppen sich als nette, trinkfeste, gesellige Zeitgenossen, von denen die Familie eher profitiert, weil sie Essen in Hülle und Fülle besorgen und mit der Familie teilen, sehr zum Unmut der anderen Dorfbewohner. Nach dem Abzug der Russen, müssen die beiden Mädchen als Arbeitskräfte in Haushalte, um die Schulden der Mutter abzuarbeiten. Gefragt werden sie nicht, sie werden geschickt und müssen sich fügen. Helga wird in ein Dorf, in den Haushalt des Wirtes geschickt, unaufgeklärt, aber mit vielen düsteren Vorurteilen darüber, was mit ihr geschehen kann und wird.

Anschließend werden in Zeil zwei die Leser*innen mit den wichtigsten, das Dorfgespräch und – leben bestimmenden Personen, den „vier sakralen Säulen jeder dörflichen Gemeinschaft“ bekannt gemacht: „Schönling, Matratze, Depp, und Trinker. Die vierfache Einfältigkeit. Heute stehen an ihrer Stelle lust-, genuss-, humorbefreite Sitten- und Moralapostel und deine primitive Heerschar ungustiöser Epigonen.“ Krönung dieses Teils ist dann die Dorfhochzeit zwischen Helga und Rudi, dem Stiefsohn des Wirtes. Denn der ist ja schon verheiratet.

Zwischendurch habe ich mich des öfteren gefragt, was nun eigentlich erzählt werden soll. „Nun aber wieder schleunigst zurück zu unserer eigentlichen Geschichte.“ merkt die Erzählerin dann selbst einmal an. Und das Eigentliche erschließt sich mir auch nicht wirklich. Es wird erzählt und dann doch wieder nicht. Da werden etwa die Folgen einer missglückten Torte in epischer Breite (auf 6 Seiten!) erzählt , bis hin zum Verdauungsvorgang dieser Torte – als Sketch auf der Bühne sicher amüsant, aber als Teil eines Romans? Irgendwann einfach: ermüdend.

Man gewinnt immer mehr den Eindruck, dass viele aneinander gereihte Szenen – auf der Bühne aufgeführt in der für Lisa Eckhart unnachahmlichen Art – sicher sehr unterhaltsam und amüsant sind, aber noch keinen Roman ergeben, der eine spannende Handlung über das Leben einer Großmutter erzählt.

Die Sprach- und Wortgewalt Lisa Eckarts ist sicher unbestritten, ihre Fähigkeit auf Tabus, Vorurteile, latente oder offensichtliche Rassismen aufmerksam zu machen, indem sie sie bricht oder sich ihrer bedient, doch innerhalb dieses Romans erscheinen mir Wortspiele, – witz und -kaskaden zum Teil als Selbstzweck, der Handlung nicht unbedingt förderlich.

So lässt mich dieser Roman ein wenig ratlos zurück, zumal auf fast jeder Seite mehrere österreichische Begriffe auftauchen, die sich einem deutschen Leser nicht unbedingt sofort erschließen, trotz der „ansatzweise ähnlichen Sprache.“

Lisa Eckhart, Omama, Paul Zsolny Verlag, Wien 2020, 383 S., ISBN 978-3-552-07201-5

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