Uwe Timm, Rot

Uwe Timm, Rot

„ICH SCHWEBE. Von hier oben habe ich einen guten Überblick, kann die ganze Kreuzung sehen, die Straße, die Bürgersteige. Unten liege ich. Der Verkehr steht. … Seltsamerweise gibt es keine Farbe, seltsam auch das, der da unten spürt keinen Schmerz. Er hält die Augen offen.“

Der dort schwer verletzt liegt, nachdem er bei Rot über die Ampel gegangen ist, ist Thomas Linde, der – wie die zitierten Sätze schon andeuten – mal mehr oder weniger distanziert in einer Art Rückschau bzw. Nahtoderfahrung von sich und seinem Leben als Jazzkritiker, Trauerredner, Geliebter der zwanzig Jahre jüngeren Lichtdesignerin Iris erzählt. Ein Leben, geprägt von der Faszination für die Farbe Rot, die sich wie ein „roter Leitfaden“ durch den Roman zieht, den Idealen der 68, an die Linde sich wieder erinnert, als er von dem Sohn eines ehemaligen Mitstreiters gebeten wird, die Trauerrede für seinen Vater Aschenberger zu halten, der offensichtlich vorhatte, die Siegessäule in Berlin zu sprengen.

Er begegnet weiteren Mitstreitern, die als Weinhändler oder als Lehrer mit einem Antiquariat auf dem Lande, offensichtlich ebenfalls weit weg von den Idealen der 68 leben und sich nun eher mit den eigenen Problemen des Alterns auseinandersetzen.

Thomas Linde sagt von sich: „Er war ja nicht nur Totenredner, sondern auch Revolutionär, ein wenig, so wie man in Deutschland Revolutionär sein kann, und vor allem Sinnsucher. Hat er Sinn gefunden? Er hat gegrübelt, einmal tagelang. … Ein Sinnsucher ohne Antwort, so müssen wir wohl sagen.“

Ein erzähltechnisch interessanter Roman, der sich aus Rückblicken, inneren Monologen, aus Dialogen, Entwürfen von Trauerreden für Lindes Auftraggeber zusammensetzt, aber auch aus Ansprachen an seine eigene künftige Trauergemeinde.

Ironische Distanziertheit spiegelt die Distanz, die Linde zu fast allem und allen hat, wider, der dann aber doch zunehmend den Wunsch verspürt, mit seiner Geliebten zusammenzubleiben, den aber nicht äußert:
„Ich hätte es ihr sagen sollen. Schwieg aber. Es ist besser dacht ich, erst die Rede zu schreiben.
Die Rede mußte geschrieben werden.“

Dass es zu diesem „Geständnis“ nicht mehr kommt, ist von Anfang an klar, wird aber durch die sich daran anschließenden Zeilen noch einmal in Erinnerung gerufen:

„Auf der Straße, auf dieser so grauen so planen Fläche breitet sich der feuchte Fleck nicht weiter aus, er hat seine endgültige Form erreicht, nicht groß, an einer Stelle, vielleicht aufgrund einer Bodenunebenheit, schön gerundet, in der Nähe des Körpers leuchtet jetzt noch ein wenig von diesem frischen, wunderbaren Rot, wie Lack, das aber schnell in Braunrot übergeht, an Glanz verliert, matt und stumpf wird, nicht vom Staub, vom Grau des Asphalts, sondern auch sich heraus – so scheint es – seine Leuchtkraft verliert.“

Ästhet und bis zum Schluss fasziniert von der Farbe Rot.

Uwe Timm, Rot, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2001, 430 S., ISBN 3-426-03023-x

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