Vergangenheit schreddern

Vergangenheit schreddern

Manche Unterlagen müssen für einen bestimmten Zeitraum aufbewahrt werden, aber irgendwann ist auch diese Frist vorüber. Und dann schreddere ich bergeweise Akten. Eigentlich ein ziemlich stupider Vorgang. Interessant wird’s, wenn man auf einmal mitbekommt, wie unterschiedlich Papier tönt, wenn es geschreddert wird. Da gibt es unterschiedlich dickes Papier, sogar noch Durchschlagpapier, Sendeberichte, und ab und an lese ich Begriffe wie: Verrechnungs- oder bankbestätiger Scheck, förmliche Zustellung, Briefköpfe von Behörden. Und dann ploppen Gefühle und Erinnerungen unterschiedlichster Art auf:

Erinnerungen an:
– die viele Zeit, die ich investiert habe in Schreiben, Telefonate mit Handwerkern, Mietern, Versorgungsunternehmen, das war mir gar nicht mehr so bewusst,
– angenehme Begegnungen, Freundschaften, aber auch an Menschen, mit denen ich nicht noch einmal etwas zu tun haben möchte,
– den Ort, an dem ich lange gelebt, mich wohl gefühlt habe, wo meine Kinder in den Kindergarten und dann später zur Grundschule gegangen sind …

Und Dankbarkeit für die Unterstützung, das Verständnis, an zurückliegende Freundschaften, Erlebnisse wird spürbar, erzeugt innere Wärme, obwohl die Zeit schon sehr lange zurückliegt.

Und immer wieder setzt der Schredder aus, unterbricht den inneren Film, dann nämlich, wenn er heiß gelaufen ist oder der Behälter geleert werden muss.
Wie oft hätte ich besser Pausen einlegen, meine Batterien aufladen müssen? Stattdessen habe ich weiter funktioniert, habe oft meine Grenzen nicht beachtet, aber: Funktionieren ging ja immer noch. Und auf meinen Körper konnte ich mich verlassen. Auch da entsteht – im Nachhinein – staunende Dankbarkeit, habe ich es bisher doch eigentlich als selbstverständlich angesehen, das es so ist.

6 Gedanken zu „Vergangenheit schreddern

  1. Hach, da schwindet ein halbes Menschenleben in Daten und Fakten dahin!
    Zum einen ist das sicher befreiend und zum andern macht es auch wehmütig. Vorbei ist endgültig vorbei.

    Ich hoffe, bei dir überwiegt die Erleichterung.
    Mit einem lieben Gruss,
    Brigitte

  2. Während des Machens pendele ich zwischen diesen beiden Polen – zum Schluss hat bisher stets die Erleichterung überwogen, das Gefühl, Raum für anderes zu schaffen.
    Wofür genau, darauf bin ich selbst gespannt, jedenfalls nicht für neue Ordner ;)
    Liebe Grüße

  3. Das gibt’s ja gar nicht, dachte ich spontan: Erlebnisse dieser Art habe ich ebenso!
    Mein Aktenvernichter steht neben mir und die große Kiste, deren Inhalte unterschiedlichster Art ich noch zu schreddern habe, wartet auf mich. Immer wieder mal gelangt dort weiterer Schriftverkehr hinein.
    Ja, ich erlebe ganz Ähnliches bei diesen Vorgängen – und es ist auch eingängig, was Dich zu den Pausen, die das Gerät braucht, bewegt.
    Ich grüße sehr herzlich und zustimmend nickend zu Deinen Gedanken, C Stern

    1. Lieben Dank für deine Grüße. Das große Aufräumen habe ich bisher immer nur vor Umzügen erlebt, da ging es aber nicht „Nur“ ums Schreddern, sondern auch ums Aussortieren, das war emotional noch herausfordernder für mich.
      Herzliche Retouregrüße

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