Chimamanda Ngozi Adichie, Trauer ist das Glück, geliebt zu haben

Chimamanda Ngozi Adichie, Trauer ist das Glück, geliebt zu haben

Während der Corona-Pandemie treffen sich die vielen, in unterschiedlichen Ländern und Kontinenten lebenden Familienmitglieder der Autorin zum sonntäglichen Zoom-Meeting. So auch am 7. Juni. Der Vater fühlt sich ein wenig unwohl, sagt allen, sie sollten sich keine Sorgen machen, er habe wahrscheinlich nur schlecht geschlafen.

„Ka chi fo“, sagte er. „Gute Nacht.“ Es waren seine letzten Worte zu mir. Am 10. Juni war er nicht mehr da. Mein Bruder Chuks rief mich an, um es mir zu sagen, und ich brach zusammen.“

Die einsetzende, zu bewältigende Trauer wird für sie sehr erschwert, da die Autorin wochen-, später monatelang darauf warten muss, von Washington nach Nigeria zu fliegen, um Abschied nehmen zu können. Eine lange Zeit, die sie nutzt, um das Leben ihres Vaters, vor allem aber ihre enge Bindung zu ihm zu reflektieren, begleitet von einer Bandbreite diverser Gefühlen.

„Die Igbo-Weise, die afrikanische Weise, mit Schmerz zu ringen, hat ihren Wert, das performative, expressive, nach außen gewandte Trauern, bei dem man kein Gespräch ablehnt und die Geschichte dessen, was passiert ist, wieder und wieder erzählt, bei dem Alleinsein Anathema ist und „hör auf zu weinen“ ein Refrain. Aber ich bin nicht bereit dafür. Ich spreche nur im engsten Familienkreis. Dieses Zurückscheuen erfolgt instinktiv.“

Zurückweisung und Unverständnis im Verwandtenkreis sind ihr gewiss. Auch die Mutter weist ihre Argumente, sich bestimmten Riten – u.a. das Kahlscheren des Kopfes – nicht zu unterziehen, denn für Männer gelte das beim Tod ihrer Frauen ja auch nicht, zurück: „Ich werde alles tun, was getan werden soll. Ich tue es für Daddy.“

Trauer ist sehr individuell, wenn man es zulassen kann, das zeigt dieses Büchlein auf sehr stille und dennoch sehr eindringliche Art und Weise. Und sie dauert auch unterschiedlich lang:

Die letzten Zeilen lauten:
„Ich schreibe über meinen Vater in der Vergangenheitsform, und ich kann nicht glauben, dass ich über meinen Vater in der Vergangenheitsform schreibe.“

Diese Zeilen spiegeln die Ungläubigkeit wider, dass das, was man im ersten Augenblick für unmöglich gehalten hat, nun eingetreten ist: Man hat sich mit der Wirklichkeit arrangiert. Was auch sonst, will man weiterleben.

Chimamanda Ngozi Adichie, Trauer ist das Glück, geliebt zu haben, Frankfurt/M. 2021, 76 S., ISBN 978-3-10-397118-7

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