Franziska zu Reventlow, Ellen

Franziska zu Reventlow, Ellen

Franziska zu Reventlow, bekannt als „Schwabinger Gräfin“, erzählt in diesem autobiografischen Roman von ihrem beschwerlichen Weg aus der Enge der bürgerlichen und in ihrem speziellen Fall adligen Welt in ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit, das Frauen damals mit zum Teil gewaltsamen Mitteln verwehrt wurde. Frauen waren laut Kerstin Decker „kostbare Heiratsware. Und diese so unversehrt wie nur möglich zu halten, sie denkbar fügsam einem künftigen Mann zu übergeben, oblag den Müttern.“

Schon früh merkt Ellen, das biografische alter ego der Schriftstellerin, dass ihr Status als Mädchen ein anderer ist als der ihrer Brüder. Sie, die lieber mit ihren Brüdern draußen herumtollt, bekommt ständig zu hören:
„Kleine Mädchen dürfen nicht so wild sein – kleine Mädchen klettern nicht auf Bäume – kleine Mädchen müssen ihre Kleider schonen – diese verwünschten rosa und weißen Kleider, die sie zu Tisch anbekam und die immer gleich zerrissen und schmutzig waren. … Wenn ich doch nur ein Junge wäre!“

Und je älter sie wird, desto enger wird das gesellschaftliche, moralische Korsett, das ihr die Eltern, besonders die Mutter als erste Erziehungsinstanz, verpassen und durch Kontrolle versuchen zu überwachen, einschließlich der Drohung, sie entmündigen zu lassen. „Zu fügen habt ihr euch, und ihr werdet euch fügen, solange wir leben.“ Doch den unbändigen Freiheitswillen Ellens können sie nicht wirklich bändigen oder gar brechen. Sie riskiert alles:

„Ja, sehen Sie, es ist eine ganz dumme Redensart: Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand. Ich schwöre darauf, dass man doch durchkann und wenn ich wüsste, hinter der Wand ist das, was ich haben will, würde ich immer dagegen rennen. Entweder komme ich durch, oder mein Kopf geht kaputt. Darauf kommt es nicht an.“

Hinter der Wand lockt ein selbstbestimmtes, zwangloses Leben – auch von konventionellen Vorstellungen von Liebe – „Nach meinem Gefühl wäre es viel schöner, nun hier und da eine Zeit zusammenzuleben und dann jeder wieder seinen eigenen Weg gehen“ – und der unbändige Wunsch zu malen, letztlich Malerin zu werden. Und sie setzt alles daran, das auch zu erreichen und ist bereit, die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Schnell merkt sie dann auch, wie eng letztlich die Grenzen auch innerhalb der Münchener Künstlerszene sind. Vorwiegend für Frauen – natürlich.

Es ist ein eher konventionell erzählter Roman, doch der Inhalt des 1903 zuerst erschienen Romans war skandalös, zügellos genug. Es ist ein Roman weiblicher Emanzipation, der gleichzeitig die rechtlichen, gesellschaftlichen, moralischen Grundlagen der Gesellschaft im 19. Jahrhundert an einem Einzelschicksal verdeutlich und die Bedeutung literarischer Werke wie die von Ibsen, Nietzsche für emanzipatorische Bestrebungen damaliger intellektueller Kreise deutlich macht.
Letztendlich ist Schreiben für Ellen die Möglichkeit, sich und ihr uneheliches Kind zu ernähren, nachdem sämtliche anderen, einschließlich der Verpfändung ihres gesamten Hausstandes ausgeschöpft sind.
Ein Roman, der der immer noch aktuellen Frage nachgeht:
„Warum haben wir als Kinder keine Lehrmeister, die uns lehren, mit dem Leben eins zu werden, warum haben sie uns immer nur gesagt, dass es Feindschaft und Kampf sein müsste schwer und hart sein. Das ist es nur solange wir und dagegen sträuben, taub und blind dahinrennen und nicht hören, was es uns sagt. Und wenn wir das einmal dunkel ahnen wollen, dann schriet soviel dagegen an, von außen her und von dem, was man jahrelang in uns hineingelogen hat, dass wir uns immer wieder von dem wirren Lärm betäuben lassen.“
Ein Roman, der darüberhinaus auch deutlich macht, wie wichtig Beziehungen, Freundschaften, letztlich Menschen sind, die einfach da sind, wenn man sie braucht, die zuhören können und einem etwas zu essen und ggf. auch ein Dach über dem Kopf oder eine bloße Schlafgelegenheit anbieten, wenn gerade mal wieder eine Wohnungskündigung ansteht wegen hoher Mietrückstände.

Franziska zu Reventlow, Ellen, mit einem Nachwort von Kerstin Decker, Regensburg 2026, 249 S., ISBN 978-3-15-011611-1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert