Gabriele von Arnim, Abschied leben

„Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ und „Trost der Schönheit“ haben mir sehr gut gefallen. Ich habe neue Aspekte der Betrachtung erkennen können und Impulse bekommen. Bei diesem bin ich mir ein wenig unsicher. Aber vielleicht denke, frage ich nur sehr ähnlich wie Gabriele von Arnim es in diesen zum Teil sehr persönlich gefärbten Tagebuchaufzeichnungen während eines ganzen Jahres macht.
Dem Ganzen ist ein Zitat Rilkes vorangestellt:
„Irgendwo blüht die Blume des Abschieds
und streut immerfort Blütenstaub
den wir atmen, herüber;
auch noch im kommendsten Wind
atmen wir Abschied.“
„Abschied ist immer. Auch mitten im Sommerglück.“ Für den, der sich selbst ein wenig mit den verschiedenen Facetten von Abschied beschäftigt hat, eine Binsenwahrheit, kein Erkenntnisgewinn.
Interessanter werden ihre Fragen für mich, wenn sie sich mit gesellschaftspolitischen Abschieden von bisherigen Regeln, Gesetzen, „Selbstverständlichkeiten“ und ihren Konsequenzen auseinandersetzt, etwa mit den permanenten Übergriffigkeiten Trumps, der auf Fragen, warum er das alles mache, sagt, weil er es könne.
Auch Friedrich Merz kommt mit seinen Aussagen zu bestimmten Themen nicht gut weg. Ihr Gradmesser für die Beurteilung der weltweit zunehmenden „eklatanten Demokratiezerlegungen“ sind Menschlichkeit, Mitgefühl, Empathie, Gerechtigkeit, die es in einer Demokratie für alle geben muss, geben sollte.
Aber wie darauf reagieren? Wie mit den zunehmenden Bedrohungen der Menschheit umgehen? Sie plädiert dafür, Menschen zu mögen, auch sich selbst. In sich und in der eigenen Nachbarschaft für Freundlichkeit, Solidarität, Verbundenheit, Unterstützung zu sorgen, Netzwerke zu knüpfen, sich zu engagieren und sei es auch nur für sogenannte „Kleinigkeiten“. Für sie funktioniert Demokratie nur dann, wenn Menschen sie praktizieren.
„Genau das gilt es wiederzubeleben: eine Demokratisierung des Alltags. Weniger hinnehmen, mehr fragen, Initiative ergreifen. … Wissenwollen ist ein Menschenrecht. Überall kann man sich zusammentun. Wir sind nicht ohnmächtig – als mündige Bürger, als Konsumenten.“
Und sie verweist darauf, dass autokratische und diktatorische Regimes genau das „nicht ertragen können und verbieten müssen, weil sie sich fürchten vor Empathie und Solidarität. Sie brauchen vereinzelte Bürger, die sich leichter einschüchtern lassen.“
Verabschieden müssten sich viele dann allerdings von ihrer Selbstbezogenheit, ihrem Egoismus, ihrer Konsumgier, dem „Höher, Weiter, Schneller“.
Gabriele von Arnim wird in diesem Jahr 80 Jahre alt, da geht es auch um die vielen persönlichen Abschiede und „letzten Male“, die einem mal mehr oder weniger bewusst sind, sein können:
„Ob ich wissen werde, wann ich den letzten Döner esse, das letzte Glas Wasser trinke, den letzten Sonnenuntergang sehe, den letzten Satz sage, das letze Mal lache …“
Und um die Fragen:
– Was bleibt von uns, wenn wir tot sind?
– Wer möchtest du gewesen sein? (Frage, die Dana Giesecke und Harald Welzer 2017 stellten.)
„Abschied leben“ erzählt von (vorübergehenden) Ohnmachten, von Hilflosigkeiten angesichts von Abschieden, aber auch von entstehenden Freiräumen, Chancen und den Möglichkeiten, neu und anders kreativ zu werden – vor dem dann letzten endgültigen Abschied.
Und bis dahin wird – zumindest der Autorin – das Schreiben helfen, „Bedrängungen zu überstehen. Erst jetzt merke ich, dass dieses Tagebuch im Laufe der Monate ein Gehäuse geworden ist für meine Verzagtheit, meine Unruhe, meine Schrecken und auch für meine Freuden. ein Ort der Zuflucht. In dem ich so oft wie möglich sein und bleiben will. Weil sich das Herz geborgen fühlt und weniger rappelt, weil die erschreckende Wirklichkeit der Welt zur erschreckenden Erzählung wird.“
Gabriele von Arnim, Abschied leben, Tagebuch eines Zeitgefühls, Hamburg 2026, 269 S., ISBN 978-3-498-00776-8
8 Gedanken zu „Gabriele von Arnim, Abschied leben“
Danke für deine behutsame Umschreibung.
Auch für mich scheint da eher weniger Erkenntnisgewinn darin zu stecken als vielmehr ein Umkreisen der sich im Alter ohnehin ständig stellenden Fragen und Antworten.
Für uns schreibende und reflektierende Personen sind das wohl eher Gemeinplätze des Denkens.
Aber „Hineinlesen“ werde ich vielleicht bei Gelegenheit doch. :–)
Lieben Gruss, Brigitte
Ja, das trifft’s.
Wenn man nicht völlig blind oder taub durch die Welt läuft, stellen sich diese Fragen, auf die ich häufig auch keine befriedigende Antwort finde, oder Zweifel habe, ob Freundlichkeit etc. ausreicht, den (meist männlichen) Wahnsinn in der Welt zu beenden.
Nur, was ist die Alternative?
Herzliche Morgengrüße
Danke für den Hinweis, bzw. für die ausgewogene und informative Besprechung des Buches. Ich freue mich grundsätzlich, wenn ich sehe, dass geistige Lebendigkeit bis zuletzt möglich ist. Ich finde, dass das dem Altern einen großen Teil seines Schreckens nimmt. Diese Freiheit , nämlich die des Denkens, auch den Nach-Denkens, bleibt (wenn man Glück hat), auch wenn man körperlich Einschränkungen erfährt.
Liebe Grüße, Andrea
Es geht mir ähnlich.
Solange das Denken noch funktioniert und nicht durch „Halsstarrigkeit“ oder „Altersstarrsinn“ ausgebremst wird, ist es noch licht – zumindest in einem selbst – hat man der Welt da draußen noch etwas entgegenzusetzen oder zu geben.
Schreiben ist da sicher ein sinn-hafter Weg, auch mit anderen in Kommunikation zu kommen.
Sei herzlich gegrüßt.
Ich habe durch Deine Beschreibung tatsächlich Lust, in dieses Buch zu blättern. Auch, wenn ich mir manche Fragen so oder ähnlich stelle, finde ich interessant, wie andere Menschen mit Themen umgehen.
Gerade den Gedanken zur Demokratie kann ich sehr folgen. Eine Demokratisierung des Alltags könnte dazu anregen, dass manche Menschen neu denken, weil sie die Kraft dahinter erleben können.
Geistige Lebendigkeit bis zuletzt ist gewiss ein großer Segen. (Solange man nicht in einen kranken Körper eingesperrt ist.)
Tatsächlich, ich freue mich, wenn ich das Buch bei meinem nächsten Besuch in einem Buchladen in die Hände nehme.
Herzliche Grüße
Es freut mich, dass meine Besprechung dich animiert, nach dem Buch Ausschau zu halten. Es lohnt sich sicher.
Ich habe nur für mich von den anderen Büchern mehr profitiert. Ein Vergleich, der dem neuen vielleicht nicht ganz gerecht wird.
Ich wünsche dir, dass es eine lohnende Lektüre wird.
Herzliche Morgengrüße
Das Lesen hat mich sehr mitgenommen und niedergeschlagen regelrecht! Es ist alles so wahr, echt radikal wahr und so oft die Rede von dem mit dem großen T , zum Glück habe ich eine gute ganz andere Lektüre im Haus, nämlich das Buch „THE JOY OF AGEING“ von Christiane Rösinger.
Dir gilt mal wieder mein Dank für die klasse Buchbesprechung!
Ja, so ging‘s mit bei den Ausführungen, vor allem denen über Trump, auch. Sie schreibt selbst an einer Stelle: zu viel Trump im Buch.
Deinen Tipp nehme ich gern auf. Kenne weder Buch noch Autorin.
Herzliche Abendgrüße