Helga Flatland, Zuunterst immer Wolle

Helga Flatland, Zuunterst immer Wolle

Mitten im Leben geschieht’s, daß der Tod kommt
und am Menschen Maß nimmt. Diesen Besuch vergißt man,
und das Leben geht weiter. Doch im stillen wird der
Anzug genäht. Tomas Tranströmer

Dieses Zitat ist dem zweiten Roman Helga Flatlands vorangestellt, der jetzt im März im Weidle Verlag erschienen ist, wieder aus der Perspektive der Beteiligten, hier beschränkt allerdings auf zwei Perspektiven, die Sigrids und die ihrer Mutter Anne.

Sigrid ist Ärztin. Sie lebt mit ihren beiden Kindern Mia und Viljar und ihrem Lebenspartner Aslak in Oslo. Das Dorf, in dem ihre Mutter noch immer lebt und dem seit Jahren pflegebedürftigen Mann zur Seite steht, auch wenn er inzwischen in einem Pflegeheim untergebracht ist, hat Sigrid kurz nach Mias Geburt mit Aslak verlassen, um in Oslo ein neues Leben zu beginnen und ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Aslak ist nicht Mias Vater, hat sie aber von Anfang an liebevoll als sein Kind angenommen. Jens, der biologischen Vater, ebenfalls Arzt, hat Sigrid noch vor der Geburt Mias verlassen. Er ist ins Ausland gegangen. Sigrid hat lange Zeit nichts von ihm gehört, bis er dann mit seiner jetztigen Partnerin ebenfalls nach Oslo zieht und Kontakt zu Mia aufnimmt, die – inzwischen fast volljährig – von Jens ziemlich angetan ist.

Das bisher scheinbar so friedliche und harmonische Zusammenleben der Vier beginnt Risse zu bekommen. Sigrid hat Schwierigkeiten, Mia vorbehaltlos zu Jens gehen zu lassen. Sie schwankt zwischen aufgesetzter Toleranz und dem Bedürfnis der Kontrolle, gerät in Unruhe, wenn Mia sich nicht meldet. Die ganz normalen Schwierigkeiten, wenn die eigenen Kinder sich lösen, werden durch das Auftauchen von Jens potenziert, da Sigrid ihre eigenen Gefühle Jens gegenüber nicht wirklich klar hat, ihn trifft, ohne Aslak darüber zu informieren.

Zudem erfährt sie, dass ihre Mutter an Krebs erkrankt ist. Relativ schnell ist klar, dass Heilung nicht mehr möglich ist, da der Krebs bereits gestreut hat. Das Verhältnis der beiden ist immer schon schwierig gewesen, geprägt von gegenseitigen – meist nicht ausgesprochenen – Erwartungen, stillen Vorwürfen. Sigrid hat sich durch die schon früh auftretende Krankheit ihres Vaters vernachlässigt gefühlt und erwartet, dass sich ihre Mutter für diese Versäumnisse bei ihr entschuldigt. Die wiederum ist mir ihren Themen beschäftigt, der ständigen Überforderung mit krankem Mann, ihren Kindern und dem Beruf und denkt gar nicht daran, sich zu entschuldigen. Und wofür? Jede hat ihre eigene Wahrheit, die nicht kompatibel zu sein scheinen.

Die eigentliche Sprachlosigkeit der beiden bzw. ihre Unfähigkeit über das zu reden, was ihnen wirklich auf dem Herzen liegt, sie voneinander trennt, macht sich in ständigen Wortgefechten, durch Distanz, da wo der Wunsch nach Nähe hochkommt, bemerkbar.

Die Krankheit und Annes Umgang damit bringen Sigrid an ihre Grenzen. Sie agiert zunächst als Ärztin ihrer Mutter gegenüber, und glaubt, der sagen zu können, was notwendig, wichtig und was zu tun ist, bzw. was sie zu tun habe. Ihr ist nicht bewusst, dass sie damit eher versucht, ihre eigenen Ängst in den Griff zu bekommen.

„Du mußt essen, Mama“, sagte ich die ganze Zeit, „du mußt deine Medikamente nehmen, du mußt dich bewegen, du mußt schlafen, du mußt duschen.“ Du mußt. Du mußt.
Bei meinem letzten Besuch wurde sie irgendwann wütend. „Warum denn?“ rief sie verzweifelt. Ich hatte darauf keine Antwort und fuhr am nächsten Tag lieber los und kaufte ein paar Flaschen teuren Rotwein. „So“, sagte ich … „Laß uns trinken.“

Sigrids Angst, ihre Mutter könne allein sterben, kontert diese – ganz „unsentimental“:
„Aber ich wohne allein, ich lebe allein, insofern ist es natürlich, wenn ich allein sterbe.“
„Du lebst nicht allein, du bist nicht allein im Leben“, widersprach ich ihr, „du hast genaugenommen mehr Menschen in deinem Leben als viele andere.“ – „In diesem Sinne sterbe ich wohl auch nicht allein“, argumentierte Mama.

So ganz allmählich schleicht sich etwas Neues in ihre Gespräche, die jeweilige Ich-Bezogenheit, das Gefühl, unverstanden zu sein, weicht einer kaum merklichen Annäherung durch Zuhören, Hinsehen, Wahrnehmen und Akzeptieren des anderen in seiner Bedürftigkeit. Ein Lernprozess für alle, auch für Magnus, Annes Sohn und Sigrids Bruder, der sich lange der Tatsache, dass seine Mutter sterben wird, nicht stellen kann. Und auch die Enkelkinder müssen/ dürfen lernen, Abschied zu nehmen, ganz allmählich, bei jedem Besuch ein wenig mehr.

„Zuunterst immer Wolle“ erzählt, wertet nicht. Für mich allerdings ist dieser Roman eine weitere Bestätigung, die Aufforderung, sich beizeiten mit der eigenen Sterblichkeit und der seiner nächsten Angehörigen zu befassen und zu sehen, ob oder wie man, darüber ins Gespräch kommen kann.

Helga Flatland, Zuunterst immer Wolle, Roman, a.d. Norwegischen v. Elke Ranzinger, Weidle Verlag, Bonn 2022, 289 S., ISBN 978-3-949441-02-8

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