Molly Keane, Das gute Benehmen

Molly Keane, Das gute Benehmen

„Vornehm geht die Welt zugrunde.“ In meiner Kindheit und Jugend habe ich diesen Satz des Öfteren gehört. An ihn musste ich während und nach der Lektüre dieses Romans von Molly Kane immer mal wieder denken.
Dieser Roman, den Molly Kane 1981 zum ersten Mal unter ihrem bürgerlichen Namen und nicht wie sonst unter einem Pseudonym veröffentlichte – da war sie schon 77 Jahre alt -, ist ein Abgesang auf die irische Familie St. Charles, die auf Temple Alice residiert, schon lange über ihre Verhältnisse lebt, das aber konsequent und beharrlich ignoriert, bis sie dann von diversen Geschäften im Dorf nicht mehr beliefert werden.

Der Roman beginnt mit dem Tod von Aroons Mutter. Aroon hat stets versucht, die Liebe und Zuneigung ihrer „Mummie“ zu erlangen, indem sie versucht hat, wenigstens gebraucht zu werden, sich nützlich und unersetzlich zu machen. Doch meist nur vorübergehend und letztendlich vergeblich und das auch im Hinblick auf ihren inzwischen ebenfalls schon verstorbenen Vater und den bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Bruder Hubert.

„Es gibt jetzt niemanden mehr auf der Welt, der mich braucht, und zu irgendwem muss ich gut sein.“

Jetzt ist da nur noch Rose, die letzte noch verbliebene Bedienstete auf Temple Alice, die sich Aroon über eine Lohnerhöhung gefügig machen will:

„Ich bin ihre Herrin, dachte ich. … Ich kann es mir leisten, gut zu Rose zu sein. Sie wird lernen, sich auf mich zu stützen.“ Irgendeiner muss da sein, der mit ihr – wie auch immer – in Resonanz geht und sei es nur über einen „Pesthauch unausgesprochener Kritik und Geringschätzung“.

So im ersten Kapitel eingestimmt auf das Jetzt im Temple Alice, nimmt Aroon, die Ich-Erzählerin die Leserinnen mit auf ihren Rückblick in ihre familiäre Vergangenheit, die sich ausschließlich – bis auf wenige Ausflüge – auf Temple Alice abgespielt hat:
„Was ist nur mit uns geschehen? Wenn ich über alle Schatten hinweg auf die schwierigen wie die herrlichen Zeiten unserer Jugend zurückblicke, vielleicht verstehe ich es dann besser.“

Erzählt wird dann die Familiengeschichte aus der Perspektive Aroons, die stets auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ihrer Eltern und auch ihrer Gouvernante ist. Sie giert förmlich danach und ist bereit alles Mögliche dafür zu tun.
Auch bei den Jungen ist sie nicht angesehen und beliebt: Sie ist zu groß und später dann auch zu korpulent, da sie irgendwann einmal begonnen hat, ihren Frust mit Essen zu kompensieren.

Der Einzige, der sie zu beachten scheint und mit Geschenken bedenkt, ist Richard, der Freund ihres Bruders. In Aroon entsteht die Zuversicht, dass Richard sie mag und heiraten wird.
Als er sie dann eines Abends in ihrem Zimmer besucht und sie bittet, seinen Kopf auf ihren großen Busen legen zu dürfen, ist das für Aroon ein Liebesbeweis und sie fühlt sich ab da heimlich mit Richard verlobt. Sie merkt überhaupt nicht, dass nicht sie gemeint ist, sondern Richards Liebe ihrem Bruder gilt. Nach dem tödlichen Unfall Huberts hört sie auch nichts mehr von Richard, der nach Afrika gegangen ist. In ihren Träumen lebt ihre Liebesgeschichte dann so lange weiter, bis sie von seiner Verlobung mit einer anderen Frau hört.
Was bleibt ihr da noch? Ihre Familie, in der gutes Benehmen an erster Stelle steht, das Gefühle welcher Art auch immer nicht zulässt, und ein Pferd, das Richard anteilig mit Hubert hatte. Sonst hat sie keine Aufgaben. Da ist dann unendlich viel Traurigkeit und Einsamkeit und keiner, an den sie sich wenden kann.

Als ihr Vater dann bettlägerig wird, versucht sie, sich unentbehrlich zu machen, um sich seine Liebe und Aufmerksamkeit zu sichern, doch kommt sie an Rose nicht vorbei.
Nach dessen Beerdigung nimmt sie als seine Alleinerbin das Zepter in die Hand:
„Von Papas Liebe ermächtigt, würde ich gut zu ihnen sein. Jetzt verfüge ich über die sanfte, wunderbare Macht, Güte zu zeigen oder zurückzuhalten.“ Zu ihrer Mutter sagt sie nach der Beerdigung:
„und denke daran, dass ich mich immer um dich kümmern werde. … Immer‘ „
Und das hört sich eher nach einer Drohung an als an die „Macht der Güte“:

„Ich freue mich immer, wenn ich diesen Raum betrete. Er ist ganz und gar mein Werk, und auch Mummie, in ihrem Nest aus hübschen Kissen liegend, ist mein Werk – ich bestehe darauf, dass sie immer peinlich und sauber ist, gewaschen und parfümiert.“

Es ist ein Roman, der schonungslos die Auswirkungen von Etikette, gutem Benehmen auf die Beziehungen von Menschen darstellt, die als Personen kaum sichtbar und herzlich miteinander in Verbindung leben.

Lesenswert? Mh, mag ich nicht wirklich zu beurteilen, jedenfalls ist er auf der einen Seite ironisch, sarkastisch geschrieben und erzählt, wirkt aber ziemlich deprimierend, wenn man mit der Protagonistin fühlt und ihre Einsamkeit und Verletzlichkeit erlebt, die sie hinter ihrer Robustheit und letztlich ja auch Härte versteckt.
Ergänzt wird der Roman durch Ausführungen von Tara-Louise Wittwer über den Roman und seine Autorin: DAS GUTE BENEHMEN UND DIE BEFREIUNG DES UNLIKEABLE FEMALE CHARACTER.

Molly Kane, Das gute Benehmen, Roman, a.d.Englischen v. Bettina Abarbanell, Kjona Verlag München 2026, 335 S.,ISBN 978-3-910372-67-2

4 Gedanken zu „Molly Keane, Das gute Benehmen

  1. Etwas zwiespältig kommt dieses Buch bei mir an.
    Und ob der Satz auf dem Cover: „Ein Buch, das deine ganze Denkweise verändert“, kann ich mir kaum vorstellen.
    Danke dennoch für die feine Besprechung.
    Lieben Valentinstaggruss, Brigitte

  2. Nee, das tut es sicher nicht –
    zumindest nicht bei mir ;)
    Dafür habe ich schon andere Bücher gelesen, die eine nachhaltigere Wirkung hatten als dieser Roman. Dennoch war das Erscheinen dieses Romans unter dem Klarnamen der Autorin für sie sicher ein großer bedeutender Schritt.

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