Nella Larsen, Seitenwechsel

Nella Larsen, Seitenwechsel

Die Originalausgabe dieses Romans erschien 1929 in New York unter dem Titel „Passing“. Die Verfilmung dieses Romans von Rebecca Hall ist demnächst auf Netflix zu sehen, mit Tessa Thompson, Ruth Negga und Alexander Skargård in den Hauptrollen.

„Seitenwechsel“ erzählt von zwei hellhäutigen Frauen mit afroamerikanischen Wurzeln im New York der Zwanziger Jahres des letzen Jahrhunderts. Irene Redfield lebt mit ihrem dunkelhäutigen Mann und den beiden gemeinsamen Kindern in Harlem. Sie ist dort in der afroamerikanischen Gemeinde zu Hause.

Die andere ist Clare Kendry. Beide kennen sich aus Kindertagen, haben sich dann aber aus den Augen verloren. Es ist Clare, die zunächst brieflich versucht, Kontakt zu Irene aufzunehmen. Irene ist alles andere als begeistert. Für sie hat Clare immer „am Rand der Gefahr“ gelebt. „Sich dieser immer bewusst, aber nie sich zurückziehen oder sich abwenden. Schon gar nicht, weil andere erschrocken oder verletzt sein könnten.“ Sie erinnert Clare als „egoistisch, kalt und hart. Und doch hatte sie auch die seltsame Fähigkeit, einen Wärme und Leidenschaft spüren zu lassen, was manchmal aber geradezu theatralisch wirkte.“

Letztendlich kann sich Irene dem Charme, der Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit Clares aber nicht entziehen. Sie treffen sich und Clare gelingt es immer mehr, in Irenes Kreise einzudringen und dort mit ihrer strahlenden Schönheit, ihrer exklusiven Kleidung im Mittelpunkt zu stehen. Die Situation wird für Irene immer prekärer, da sie mittlerweile weiß, dass Clare mit John Bellow, einem bekennenden Rassisten verheiratet ist, der nicht weiß, dass seine Frau eine Schwarze ist, sie ironischer Weise dennoch „Nig“nennt. Ihr gemeinsames Kind gilt demnach auch als Farbige.

Clare „spielt also mit dem Feuer“ und das macht sie bewusst, indem sie im Beisein von Irene ihren Mann fragt:
„Was für einen Unterschied würde es denn nach all den Jahren machen, wenn du herausfändest, dass ich ein oder zwei Prozent farbig wäre?“
Er antwortet:
„So was nicht bei mir! Ich weiß, du bist kein Nigger, und damit ist das in Ordnung. Du kannst von mir aus so schwarz werden, wie du willst, ich weiß ja, das du kein Nigger bist. Da ziehe ich eine Grenze. Kein Nigger in meiner Familie. Gab nie welche und wird auch nie welche geben.“

Irene mag diese Scheinheiligkeit nicht, gerät aber in Loyalitätskonflikte, denn sie will auf der anderen Seite Clare nicht gefährden. Als sie dann aber das Gefühl Gefühl bekommt, dass Clare sich auch an ihren Mann heranmacht, gehen ihre Phantasien mit ihr durch. Sie sieht bereits ihre Ehe gefährdet, denn sie hat den Eindruck, dass sich ihr Mann immer mehr vor ihr verschließt. Irene will, dass Clare aus ihrem Leben verschwindet.

„Seltsam, sie hatte sich nicht klargemacht, wie leicht sie Clare aus ihrem Leben drängen konnte! Sie musste nur John Bellow sagen, dass seine Frau – Nein. Nicht das! Aber wenn er irgendwie von diesen Besuchen in Harlem erfahren würde – Warum sollte sie zögern? Warum Clare schonen?“

Der Roman endet auf unerwartete Weise tragisch.
Mit einem Mord, einem Unfall?
Die Frage der Schuld bleibt offen.

„Seitenwechsel“ ist ein „moderner“ Roman, der an der ungewöhnlichen Geschichte dieser beiden Frauen viele immer noch aktuelle Themen anspricht: Die gesellschaftliche Situation der Farbigen im Amerika der zwanziger Jahre wird nicht explizit ausgebreitet, ist dennoch in den wenigen Sätzen sehr präsent, für den, der aufmerksam liest. Zudem ist damit die Frage von Ausgrenzung und Zugehörigkeit verbunden. Woran mache ich Zugehörigkeit fest, wer bestimmt über Zugehörigkeit oder Ausgrenzung?

Beide Frauen sind auch verheiratete Mütter, doch auf sehr unterschiedlicher Weise. Clare ist vor allem eine Frau, die schon als Kind wusste, was sie wollte, wie sie es bekam und war immer bereit, dafür auch den entsprechenden Preis zu zahlen. Irene ist dagegen in erster Linie Hausfrau und Mutter mit einem sehr traditionellen Bild von Familie, auch von ihrem Mann als Ernährer, der eigene Interessen zurückzustecken hat, damit das Familiengefüge nicht ins Wanken gerät.
Zudem wird – nach den Ausführungen Fridtjof Küchenmanns im Nachwort – unterschwellig auch mit der „Idee einer lesbischen Beziehung“ gespielt. Die Beschreibungen Clares – aus Irenes Perspektive – klingen zunehmend wie die einer Verliebten: Da ist vom „verführerischen“ Mund, von den „hinreißenden“ Augen von der „vollkommenen“ Schönheit Clares die Rede: „In diesen Augen erschien ein Lächeln, und Irene hatte das Gefühl, gestreichelt und liebkost zu werden.“
Vielleicht sind die Verdächtigungen Irenes gegen ihren Mann auch nur Ergebnis einer ihr unbewussten Projektion.


Ein interessanter, lesenswerter Roman, mit vielen Aspekten, die es wert sind, beachtet und bedacht zu werden.

Nella Larsen, Seitenwechsel, Roman, a.d. Amerik. v. Adelheid Dormagen, mit einem Nachwort v. Fridtjof Küchemann, Dörlemann Verlag Zürich 2021, 223 S., ISBN 978-3-03820-093-2

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