Szczepan Twardoch, Demut

Szczepan Twardoch, Demut

Nach „Der Boxer“ ist „Demut“ der zweite Roman, den ich von Szczepan Twardoch gelesen habe. Er erzählt auf beeindruckende Weise vom Leben des Alois Pokora, der nicht immer so hieß.

Der Roman beginnt, nachdem Alois im Ersten Weltkrieg schwer verwundet in einem Berliner Krankenhaus – nach Wochen ohne Bewusstsein – aufwacht; erzählt wird aus der Ich-Perspektive des Protagonisten. Und der erste Gedanke gilt „seiner“ Agnes:

„An dein Gesicht denke ich, wenn am schwarzen Himmel, noch tief über dem Horizont, der erste weiße Stern aufblinkt. Die weiche Linie von Kiefer, Wangen, Nase, Mund und Augen. Du, Agnes. Die Geometrie deiner Züge tief in mein Hirn gebrannt, tiefer als die Gesichter meiner Eltern.“

Agnes ist die Tochter seines Gastwirtes, bei dem Alois, der als erster seiner Familie aufs Gymnasium geht, ein Zimmer hat, unterstützt und finanziert von Pfarrer Scholtis, zu der Alois Mutter ein besonderes Verhältnis pflegt, dessen Gottesdienst sie immer besucht. Sehr spät erst erfahren Alois und damit auch die LeserInnen, worin die Besonderheit dieser Beziehung bestanden hat.

Agnes ist im Grunde auch die Adressatin dieses Romans. In Alois Gedanken ist sie immer anwesend, er spricht mit ihr, fragt sie um Rat. Ihre gedankliche „Anwesenheit“ gibt ihm Kraft, die Grausamkeiten des Stellungkrieges, die Verluste seiner Kameraden, seine schwere Verwundungen auszuhalten und den Lebenswillen nicht zu verlieren, als er völlig mittellos nach seinem Krankenhausaufenthalt durch Berlin irrt. Nur eins weiß er sicher, dass er der Liebe von Agnes nicht würdig ist, sich diese Liebe aber verdienen will. Und er glaubt fest daran, dass das möglich ist, ohne zu wissen wie. Denn im tiefsten Inneren ist er gleichzeitig davon überzeugt ist, ihrer nichtwert zu sein.

Alois ist ein zutiefst entwurzelter, einsamer Mensch, nirgends zu Hause, ohne Bindung, aber mit einer tiefen Sehnsucht nach Anerkennung, auf der Suche nach einem Ort, an dem er im normalen Leben ankommen und als Mensch anerkannt wird. Nach vielen Gefährdungen – so kämpft er mit den Spartakisten an der Seite von Rosa Luxemburg und Karl Liebrecht in Berlin, gerät an ein Exekutionskommando und wird als Einziger nicht erschossen, da ihn Smilo von Kattwitz, ein früherer Mitschüler, erkennt und ihn vor der Exekution rettet. Dafür soll er diesen dann als Freikorpler unterstützen. Doch Alois weigert sich. Er will keine Waffen mehr tragen, will keinen Krieg mehr. Er macht sich auf den Weg in seine Heimatstadt und muss sich da mit seiner eigenen Herkunft auseinandersetzen. Ein sehr aufschlussreicher und quälender Prozess.

Dennoch scheint er dort mit Emma, seiner Geliebten, späteren Ehefrau und Mutter seines Sohnes ein bescheidenes, „normales“ Glück gefunden zu haben:

„Emma und ich lebten ein Leben, das erzählt zu werden sich nicht lohnt, ein anderes Leben wollte ich nicht, ich glaubte sogar, es noch weiterführen zu können, doch jetzt sitzt du, Agnes, an diesem Tisch in der Kaiserkrone, und ich weiß, dieses mein Leben ist zu Ende.“

Die letzte Begegnung wird zur absoluten Katastrophe für Alois. Emma warnt ihn eindringlich, Agnes nicht zu treffen. Doch Alois widersetzt sich, getrieben von seiner Hörigkeit. Und bekommt während dieses Treffens – Agnes erniedrigt und demütigt ihn, ohrfeigt ihn heftig – ihren Hang zur Grausamkeit zu spüren. Er erkennt, dass er sich ein völlig falsches Bild von der machbesessenen Agnes gemacht hat, ihr hörig war und von Liebe nie auch nur ein Hauch zu spüren war. Doch sieht er auch, dass er zeitlebens „diese innere Würde nicht besaß, um Verantwortung für mich selbst zu übernehmen, selbst zu entscheiden, Subjekt, nicht Objekt“ zu sein. Er empfindet sich als „eine Brennnessel, aus fruchtbarem Boden herausgerissen, um nützlichen Pflanzen Platz zu machen.“

In einem letzten Aufbäumen „Mein Leben gehört mir. Und in diesem Leben will ich, Alois Pokora, dich nicht mehr nie mehr sehen“ widersetzt er sich Agnes und geht. Doch es ist zu spät, er hat sich wie eine Spinne in einem Netz verfangen, aus dem er nicht mehr herauskommt.

Szczepan Twardoch ist hier ein personenbezogener und doch hochgradig politischer Roman gelungen, der in unglaublicher Dichte, Tiefe und Vielschichtigkeit am Beispiel der Person des Alois Pokora die sicher für viele schlesische Bergarbeiter typische und tragische Familiengeschichte erzählt. Sie ist eingebettet in die Spannungen der herrschenden Klassenunterschiede und verdeutlicht die Schwierigkeiten, als Schlesier mit eigener Sprache weder von den Deutschen noch von den Polen geachtet werden. Zudem werden die Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges und die sich daran anschließenden politischen Irrungen als Folgen des verlorenen Krieges erzählt, die es sicher nicht nur Alois Pokora erschwert hat, auch politisch einen Neustart zu erreichen.

Szczepan Twardoch, Demut, Roman, a.d. Polnischen v. Olaf Kühl, Rowohlt Berlin 2022, 463 S., ISBN 978-3-731-0121-9

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