Ulla Hahn, Tage in Vitopia

Ulla Hahn, Tage in Vitopia

Wendelin Kretschnuss, ein Schattenschwanzeichhörnchen, Sciurus vulgaris, ist der Ich-Erzähler in Ulla Hahns neuem Roman „Tage in Vitopia“, der wortreich, wortwitzig von dem erzählt, was er in der Welt erlebt.

Seine Welt sind zunächst die Bäume vor einer Hamburger Villa in Alsternähe. Er lebt dort mit seiner geliebten Muzzli – die Kinder sind schon aus dem Nest – und beobachtet Maria Schön und Josef Regen, die in der Villa wohnen. Ihre Art zu leben ist ihm zunächst ziemlich unverständlich. Wände voller Bücher, offensichtlich ist viel, ihm zunächst unbekanntes, Wissen vorhanden. Weshalb verhalten sich die Menschen dennoch so, dass die Gefahr für den gemeinsam bewohnten Planeten beinahe täglich, ja stündlich wächst? Über eine Sprach-App beginnt Wendelin die Sprache der Menschen zu verstehen, was ihm dennoch nicht hilft, sie bzw. ihr Verhalten wirklich zu verstehen.

Die Villamenschen haben Spaß an ihren Eichhörnchen, füttern und zähmen sie. Das meinen sie jedenfalls und es kommt zu einer allmählichen Annäherung, zunehmender Verständigung und zu einem Verstehen, dass beiden Seiten deutlich macht: Sie sitzen in einem Boot. Die Klimakatastrophe, die zunehmenden kriegerischen Auseinandersetzung in der Welt bedrohen Menschen und Tiere gleichermaßen, da es die Erde, ihr Lebensgrundlage, vernichtet.

Eine gemeinsame friedlichen Demonstration von Mensch und Tier im Hambacher Forst wandelt die Demonstration in ein Hambacher Fest 2.0. Da das nicht alles gewesen sein kann, schließen sich die Humanimals – der inklusive Sammelname aus Human und Animal für menschliche und tierische Teilnehmende, der niemanden ausschloss – zu einer Weltbewegung der Gilde Gebilde zusammen mit dem großen Ziel: der Schutz unseren gemeinsamen Lebens.

Sie bereiten einen Weltkongress vor, der sich diesem Thema widmen soll. Was gibt es da nicht alles zu bedenken: Themen, Auswahl der Delegierten – nur die noch Lebendigen oder auch die nicht mehr Lebenden? Und man einigt sich, dass alle willkommen sind, die etwas für eine lebendige Zukunft aller Lebewesen beizutragen haben:

„Und dann lasst uns gemeinsam das Leben feiern, das Leben der Lebendigen von heute und der Lebenden von gestern. Holen wir sie in unsere Gegenwart, wann immer wir sie brauchen. Lernen wir von ihnen. Wandeln wir auch den Ballast der Vergangenheit in Proviant für die Zukunft. Und folgen dann dem Rat des alten Meisters: Schafft Neues, Kinder!“

Welche menschlichen und tierischen Lebensräume sollen einbezogen, von wem repräsentiert und wie performt werden? Welchen Stellenwert sollen Wissenschaft, Kunst, Philosophie und Religion(en) einnehmen? Was ist mit den Bereichen, die Lebensfreude und Lebendigkeit zum Ausdruck bringen können: Tanz, gemeinsames Essen, Trinken, Singen …

Es kommt zu einem paradiesischen Weltkongress, auf dem die Idee von „Vitopia“ – zumindest während der Kongresstage lebendig zu werden beginnt: Man hört zu, tauscht sich aus, ist aufgeschlossen, neugierig, wissbegierig, mitfühlend, empathisch, empört angesichts zahlreicher grausamer Missstände, die zu zeigen Platz sein muss, auch wenn sie kaum aushaltbar sind und viele Kongressteilnehmer ihre Augen schließen müssen. Die Humanials sind suchend, zukunftsorientiert, respekt- und rücksichtsvoll. Sie sind sich klar darüber, dass Suchen nicht minder sinnvoll ist als das Finden. Sie wollen:

„Leben … lernen mit der gleitenden Gleichzeitigkeit des Sowohl-als Auch.“

Denn das ausschließende, konkurrierende Entweder-Oder, das haben die meisten leidvoll erlebt, führt nur zu Konkurrenz, Unfrieden und letztendlich zum Krieg, der als alles zerstörende unsinnigste Macht verurteilt wird.
Einig ist man sich auch, dass das Erlebnis von Gemeinsamkeit, von Zukunftsvisionen, kurz von Vitopia in konkretes Handeln münden muss, damit die Welt nicht aufhört, neu zu beginnen. Impulse, Ideen, Visionen während des Kongresses haben auch die Zuversicht darauf genährt, dass ein gemeinsames Miteinander helfen kann, „Mutter Erde“ wieder als Lebensgrundlage für alle anzusehen und entsprechend pfleglich mit ihr umzugehen. Flora und Fauna bringen sich dann zum Schluss auch noch sehr energisch als Teil des Ganzen ein.

Zurück vom Kongress treffen sie unvorbereitet – alle Teilnehmenden haben ihre Handys etc. abgeben müssen – auf eine „große weltweite Gemeinsamkeit. Jenseits aller Abstraktionen. anschaulich und konkret … : eine globale Herausforderung auf Leben und Tod. Eine Pandemie. Verursacht von einem Virus, der in den Körpern der Humans eine Heimat suchte.“

Dieser Roman ist ein Roman, der so viele Anspielungen und Zitate aus Religionen, Wissenschaft, Kunst, Literatur, Musik zu einem Ganzen vereint, dass man, folgte man sämtlichen Spuren und den Anmerkungen im Anhang, mit diesem Roman nie zu einem Ende käme. Hier und da habe ich mir Musikstücke angehört, Bilder gegoogelt, und behalte diesen Roman als „Fundgrube“ – auch für die vielen zahlreichen Wortneuschöpfungen – in Sichtweite.

Die tierische Erzähl-Perspektive einzunehmen, ist sicher eine gute Idee gewesen, die verhindert, dass der Roman zu einem moralinsauren Stück wird, den niemand lesen will. Dass Tieren unser menschliches Verhalten an manchen Stellen äußerst komisch vorkommt, darüber kann man sich dann als Mensch mit Wendelin wundern und sich fragen, ob tierisches Verhalten nicht machmal das vernünftigere ist.

Ulla Hahn, Tage in Vitopia, Roman, Penguin Verlag, München 2022, 252 S., ISBN 978-3-328-60268-2

2 Gedanken zu „Ulla Hahn, Tage in Vitopia

  1. Das erinnert mich gar sehr an „Die Konferenz der Tiere“ von Erich Kästner.
    Aber was du darüber schreibst, tönt dennoch positiv und könnte zum Lesen verlocken.
    Herzlichen Dank und liebe Montagsgrüsse zu dir,
    Brigitte

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