Anna Freixas, Ich, die Alte!

Anna Freixas, Ich, die Alte!

Sehr sinnvoll ist es, bei diesem Buch mit den Anmerkungen der Autorin „Zum Schluss“ zu beginnen. Dann besteht eher die Möglichkeit, das, was Anna Freixas an Themen aufgreift, zu verstehen und einzuordnen. Denn dort schreibt sie über ihre Art der Darstellung nämlich „locker (zu) erzählen“, ihr Stilmittel: „Zweifellos habe ich an einigen Stellen in diesem Buch übertrieben“. Sie bekennt, dass sie in ihren Forderungen „oben“ anfängt, „denn es „unten“ zu tun hieße hinzunehmen, dass bestimmte Errungenschaften nur wenigen Auswählten vorbehalten sind.“ Und sie ist sich auch dessen bewusst, dass einige ihrer Vorschläge „nur für wirtschaftlich und kulturell privilegierte alte Frauen wirklich umsetzbar, für den Großteil der Bevölkerung aber illusorisch sind.“ Für wen also ist dieses Buch dann geschrieben?

Für den „Club der kraftvollen Alten!“ – ist ihre Antwort.
Und wieviele Frauen gehören einem solchen Club an oder wollen im angehören?

Worum geht es also in diesem Buch? Um Frauen im Alter. Freixas beginnt mit landläufigen Bezeichnungen für alte Frauen, die für sie durchweg abwertend sind und auch so gebraucht werden und sucht nach besseren Synonymen für „Alte“, die sie dann aber alle wieder verwirft und vorschlägt, sich mit dem Wort „alt“ zu versöhnen, weil Alter Wirklichkeit ist (ach nee?!) Sie skizziert die beiden Extreme alter Frauen: die „greise Rentnerin“ auf der einen Seite und „die der aktiven Alten“ auf der anderen Seite, um dann zu schlussfolgern, dass es viele Formen des weiblichen Altseins gibt.

Im Kapitel „Wir alten sind die Zukunft“ – plädiert sie für eine Kultur des Seins, nicht des Machens, denn Altsein ist cool, so einer ihrer Vorschläge, die sie jedem Kapitel anfügt. Doch um das so sehen zu können, bedarf es einiger Veränderungen in den Köpfen nicht nur der Alten sondern aller in allen gesellschaftlichen Bereichen und Belangen: (Wohn-)Raum, Gesundheit, Netzwerke, Kultur und Gesellschaft, Sexualität, Formen des Zusammenlebens etc.

Sie geht also in verschiedenen Kapiteln den verschiedenen gesellschaftlichen Themen und Bereichen nach, in denen sie diskriminierende Ansichten und daraus resultierendes Verhalten wahrnimmt und hält eine breite Palette von Vorschlägen bereit, wie jede einzelne Alte allein oder in Gemeinschaft etwas verändern kann, wie aber auch Gesellschaft dafür sorgen muss, dass Alte wertschätzend behandelt werden, leben können und im Alter ein Ein- und Auskommen haben, mit dem sie würdig leben und an Gesellschaft teilhaben können. Das ist sicherlich notwendig, um wertschätzendes Verhalten zu fordern und zu fördern.

In insgesamt 24 Forderungen zeigt sie auf was ihrer Meinung nach die „Seniorinnen von heute“ – so die Kapitelüberschrift – wollen. Es ist für Anna Freixas eine Charta „Der Rechte und Wünsche der alten Frauen“.

Die Belange alter Frauen in den Fokus zu nehmen und in ihrer ganzen Bandbreite aufzuzeigen, ist sicherlich Wert dieses Buches. Schwierig wird es (für mich persönlich), wenn stets von „wir Frauen“ die Rede ist und ich dann Sätze lese wie: „Gerade wir alten Frauen sind die wahren Hüterinnen der Neugier.“ später dann auch der Weisheit. Diese Verallgemeinerung und Vereinnahmung widerspricht dann letztendlich auf der anderen Seite auch ihrer Forderung, individuell zu altern.

Nach der Lektüre könnte man/ frau in arge Bedrängnis kommen, zu versuchen die sich zum Teil sogar widersprechenden Forderungen und Vorschläge der Autorin für sich zu realisieren: Auf der einen Seite sollen wir unserm Äußern nicht allzuviel Wert beimessen, um uns welchem Schönheitsdiktat nicht zu unterwerfen, soweit ok. Doch dann liest man im Kapitel „Gemütlich und glamourös“ unter Anregungen:

  • Dusche regelmäßig
  • Geh zur Zahnärztin
  • Achte darauf, dass deine Fingernägel nicht verkommen
  • Gönn deinen Füßen gelegentlich den Gang zur Pediküre
  • Zupf dir die Drahthaare am Kinn aus
  • Iss beherrscht und elegant
  • Un wenn du dich entscheidest, eine Alte mit Damenbart zu sein, die Brauen zusammenwachsen zu tragen wie Frida Kahlo, oder dich grunge zu geben und in zerlumpter Kleidung herumzulaufen, dann sorge dafür, dass es nach freier Entscheidung aussieht und nicht nach Verwahrlosung.

Ja, wieso denn das? Ich finde Anregungen wie die oben ziemlich dreist. Vor allem: Würden Frauen, die sich so verwahrlosen, dass sie diese Anregungen brauchen, ein solches Buch lesen?

Eine eindeutige Empfehlung für dieses Buch fällt mir schwer. Es ist ein Buch, das sich sicher mit einem ernsten Thema auf – manchmal eher gewollt – humorige Art und Weise beschäftig. Es kann dazu dienen, den eigenen, vielleicht einengenden Standpunkt hinsichtlich seines Umgangs mit dem Altern oder dem Alter festzustellen, zu überprüfen und ggf. zu erweitern und sich vielleicht sogar die ein oder andere Anregung zu eigen zu machen.
Es gibt zum Ende eine Liste belletristischer Bücher, die sich thematisch mit diversen alten Frauen beschäftigt bzw. in denen sie die Protagonistinnen sind. Die fand ich persönlich (fast) am interessantesten.

Anna Freixas, Ich, die Alte!. Aktivistische Ratschläge für für freie Menschen, a.d. Spanischen v. Gemma Terés Arilla u. Michael Ebmeyer, Orlanda Verlag Berlin 2022, 205 S., ISBN 978-3-94945-25-2

10 Gedanken zu „Anna Freixas, Ich, die Alte!

  1. oje, naja. ich glaube, da denk ich lieber selbst weiter nach. und lese vergnügt in blogs von frauen, die keine 20 mehr sind:-)))…
    danke für die ehrliche rezi!
    lieber gruß
    Sylvia

  2. Eine wiederum informative und kritische Einsicht in ein Buch – das ich allerdings nicht zur Hand nehmen werde.
    Anregungen wie die von Dir aus dem Buch zitierten halte ich ebenso für unangebracht.
    Anders als noch vor zwanzig Jahren werden ältere Menschen und ihre Bedürfnisse heute jedenfalls in der Werbewelt wahrgenommen. Manchmal, so scheint mir, werden ihnen allerdings auch Bedürfnisse „aufgeschwatzt“ – klar, so funktioniert Werbung eben.

    Ich empfinde es wie Sylvia, ich lese ebenfalls lieber in Blogs von Menschen, die sich dem Leben stellen.
    Liebe Grüße, C Stern

    1. Ich die Autorin stellt sich schon dem Leben. da bin ich mir sicher.nur wie sie darüber schreibt, ihre diversen „Anregungen“, die sie gibt, sind nicht so nach meinem Gusto;)
      Liebe Grüße nach Wien

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