Dato Turaschwili, Das andere Amsterdam

Dato Turaschwili, Das andere Amsterdam

Das andere Amsterdam“ ist bereits 2014 als georgische Erstausgabe erschienen und liegt nun als deutsche Übersetzung von Katja Wolters im Weidle Verlag vor. Dieser Roman entzieht sich jeglicher Kategorisierung und das ist gut so bzw. das genau ist das Interessante und Spannende.

Der Ich-Erzähler ist wie der Autor Schriftsteller und hat von der „Niederländischen Stiftung für Literatur“ eine wunderschöne Wohnung auf dem Spui-Platz in Amsterdam zur Verfügung gestellt bekommen: „zum Arbeiten oder einfach zur Entspannung“.

Bereits die ersten Sätze machen die Intentionen des Ich-Erzählers deutlich, was er in den Niederlanden in Erfahrung bringen und erleben will:

„Zu der niederländischen Vergangenheit meines Großvaters muß ich einige Details noch genau klären, und wer weiß, vielleicht bin ich genau deswegen in Amsterdam. Es mag auch sein, daß ich jene Georgierin ausfindig machen möchte, die mir im vergangenen Jahr Briefe geschrieben hat, und ich weiß, daß auch sie hier in den Niederlanden, auf einer Insel, am Strand, wohnt. Ein Buch über die Niederlande schreiben, wollte ich schon immer, weil dieses Land Georgien so gar nicht ähnlich ist, seine Andersartigkeit zog mich bereits seit meiner Kindheit auf magische Weise an.“

Uns so begleitet man als LeserIn den Ich-Erzähler bei seinen realen Streifzügen durch Amsterdam, erlebt sein fasziniertes Erstaunen über die glücklichen, fahrradfahrenden, Ruhe ausstrahlenden AmsterdamerInnen, die sich sich beim Fahren sogar an den Händen halten, ist bei seinen Recherchen über die ihm bekannten Spuren seines Großvaters dabei, der laut Familiennarrativ im Zweiten Weltkrieg eine holländische Geliebte hatte, lernt eine Menge Neues – zumindest war das für mich so – über die Konstellationen zwischen den Niederländern, den Alliierten, den Georgiern und den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg in Amsterdam bzw. auf der Insel Texel kennen.

Der Romaninhalt wird überwiegend assoziativ erzählt. Es sind Erinnerungen, Gedankensplitter, die dem Ich-Erzähler spontan bei seinen Spaziergängen einfallen, er spricht über alte Fotos, gelesene Bücher, flicht Zitate ein, erinnert sich an Begegnungen mit Schriftstellern, die er meist aus Georgien kennt, die aber ebenfalls einen Bezug zu Amsterdam haben. Das eine oder andere Mal kommt er auch von „Hölzchen auf Stöckchen“ – so geht Erzählen halt. Doch immer wieder stellt er Vergleiche zwischen den Städten Amsterdam und Tiflis und dessen BewohnerInnen an.

„Wie kann es sein, daß es in einer auf dem Wasser gebauten Stadt, wie Amsterdam eine ist, mehr Grünanlagen gibt als in Tiflis, wo man alles, was grün ist, mit … Eifer bekämpft. Überall, wo es noch grün gewesen ist, bauen wir diese häßlichen Wohnblocks, damit glauben wir unseren Kindern was Gutes zu tun. Ja, natürlich, wie werden große Wohnungen haben, sie werden große schwarze Geländewagen fahren. Was sie bestimmt nicht haben werden, ist Sauerstoff. … In Tiflis kann man bereits nicht mehr atmen.“

Es sind auch das Glück und die Freiheit der HolländerInnen, die ihn faszinieren: „Es gibt keine Sowjetunion mehr, aber um unsere sowjetische Mentalität zu ändern, reicht die bloße Deklaration der Freiheit nicht aus. Man muß frei wie die Holländer sein, um zu verstehen, was für ein Glück es ist, auf dem Rasen … zu liegen. … Jeder beliebige Georgier könnte auch glücklich sein, wenn er begänne, auf die Natur zu achten.“

In die sehr individuellen Begegnungen des ich-Erzählers mit der Stadt Amsterdam und seinen BewohnerInnen sind die vom Schrifttyp vom übrigen Text abgesetzten Mail-Briefe der Georgierin eingefügt, die er bisher nur durch ihren Briefwechsel kennt. Auch sie denkt und schreibt in Vergleichen. Auch sie, die sich als Feministin bezeichnet, hat ihren ganz individuellen Aspekt. Es ist die Liebe (zwischen Mann und Frau).

„Man kann über die Liebe nie genug schreiben. Es gibt doch Menschen, die meinen, daß sie dazu geboren sind, Mediziner, Sportler, Pädagogen, Journalisten zu sein. Ich bin geboren, um zu lieben und geliebt zu werden.“

Sie trauert – teilweise sehr pathetisch, wie sie selbst zugibt – ihr Leben lang ihrer „großen Liebe“ nach, die sie aufgrund ihres eigenen Verhaltens verloren hat, gespeist aus einer Angst vor der Größe dieser Liebe, durch die sie „den Himmel berührt hat“. Deswegen hat sie auch Georgien verlassen, behauptet sie – zunächst. Fast alles, was sie in ihren Mails zum Beispiel über die die Ehe ihrer Mutter schreibt, speist sich aus diesem Fokus.
Fraglich ist allerdings, ob nicht ihr Tumor, der in Georgien nicht mehr zu behandeln war, und die Hoffnung auf Genesung durch eine Behandlung in den Niederlanden nicht letztlich ausschlaggebend waren. Denn ohne ihr verlassene Lieb hat sie bereits seit Jahrzehnten gelebt.

Sie verlangt vom Ich-Erzähler, dass „Du meine Asche nach Georgien bringen und genau so vorgehen wirst, wie ich Dich gebeten habe. Auf Deine Antwort und Zustimmung werde ich deshalb nicht mehr warten und mich schon jetzt verabschieden.“ Eine tatsächliche Begegnung zwischen den beiden findet nicht mehr statt.

Dato Turaschwili, Das andere Amsterdam, Roman, a.d. Georgischen von Katja Wolters, Weidle Verlag, Bonn 2021, 252 S., ISBN 978-3-938803-99-8

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