Grete Weil, Ans Ende der Welt

Grete Weil, Ans Ende der Welt

In diesem sehr kurzen Roman erzählt Grete Weil vom „Judenholen“ in den Niederlanden am Beispiel der Inhaftierung des Universitätsprofessors Dr. Salomon Waterdrager, seiner Frau Henny und seiner Tochter Annabeth. Für ihn kommt die Abholung zur Deportation nach Polen völlig überraschend, wähnt er sich doch mit seiner Familie in Sicherheit, da er als „Hundertzwanzigtausender bis auf weiteres vom Arbeitseinsatz freigestellt ist.“

Doch was gestern noch als sicher galt, gilt heute nicht mehr. Innerhalb einer Nacht bricht seine Welt zusammen, er erkennt sich nicht mehr wieder, handelt auf eine bis dahin für ihn unvorstellbare Art und Weise, getrieben von der Hoffnung, die Deportation möge ihn und seine Familie nicht treffen.

„Was hatte er sich nicht alles zugute getan über seine Humanität; wie angenehm und behaglich war es, nach der strengen und schönen Arbeit des Geistes ein vorbildlicher Mensch und Bürger zu sein. Das Haus der Behütung und Würde fiel zusammen bei der ersten Berührung mit dem Scheußlichen, und sobald man nur den furchtbaren und magischen Kreis des Unmenschlichen betrat, sei es freiwillig oder gezwungen, wurde man selbst zum Unmenschen.“

Seine Frau, die bisher in einem „Wolkenkuckucksheim“ gelebt hat, erkennt, dass ihr Mann, der „in den Tagen der Erniedrigung zum Greis geworden“ war, sie nicht wird beschützen können, ist sich aber über die Tragweite der Geschehnisse nicht im Klaren. Bis zum Schluss kann sie das, was passiert nicht glauben:

Bei der Ankunft im KZ nickte sie „fortwährend mit dem Kopf, als wäre sie eine Fürstin, die die Huldigungen der Menge entgegennimmt. … Henny stieß ein kleines törichtes Kinderlachen aus. Sie hatte soeben etwas von einem Bad gehört und daß man ihr ein Handtuch und ein Stück Seife geben wollte.
Daß es Menschen gibt, die wie reißende Tiere sind, wußte sie nicht. Sie dachte noch immer nicht an den Tod. Friedfertig mit dem Kopfe nickend, ging sie der feuerspeienden Hölle zu.“

Annabeth dagegen ist ziemlich schnell klar. „Dies ist das Ende der Welt“, aber nicht „als sanft ansteigende Wiese“ wie sie sich das vorgestellt hatte, sondern: „Es war Technik, Fabrik, es war Film. Ende der Welt 1943“. Doch sie allein trägt noch einen Hauch von Hoffnung in sich. Sie wird nicht sofort auf der Rampe aussortiert, sondern als Arbeitskraft eingestuft und sie ist in den wenigen Tagen seit ihrer Abholung der Liebe begegnet, der Liebe zu ihrem Cousin Ben, der zur gleichen Zeit wie sie inhaftiert und in demselben Gebäude, einem Vorstadttheater, untergebracht war wie Annabeth. Auf der Fahrt im Güterzug über Tage beeinander, getrennt im Lager, dennoch im Wissen ihrer Liebe verbunden, fragt Annabeth sich, ob die Stunde der Freiheit kommen wird. „Wird sie kommen für uns?“

Mit dieser Frage schließt dieser kurze, intensive Roman, der in seiner leisen Eindringlichkeit, oft ironisch, sarkastisch auf der einen Seite den Absturz einer bürgerlichen jüdischen Familie zeigt und gleichzeitig die perfiden, brutalten Methoden der Nazis und ihrer zum Teil perversen inneren Einstellungen verdeutlicht. Die Erzählung bildet auch sprachlich sehr fein und nuanciert den Inhalt und die verschiedenen Personen ab, die zusätzlich über ihre Sprache charakterisiert werden.

Ein Roman, dem ich viele LeserInnen wünsche, macht er doch die unpolitische Haltung bürgerlicher Kreise und die Ungläubigkeit weiter Teile der Bevölkerung deutlich, für die die Grauen der Nazis, selbst wenn sie davon betroffen waren, nicht wahrhaben konnten oder wollten. Ein Buch, das indirekt die „Gretchenfrage“ stellt: Und wie hälst du es mit deiner Einstellung zu den heutigen Nazis? Wie ist deine Haltung und zeigst du sie auch?

Grete Weil, Ans Ende der Welt, Roman, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis GmbH, Berlin 2022, 85 S., ISBN 978-3-946990-61-1

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