Hannah Lühmann, Auszeit

Hannah Lühmann, Auszeit

„Der Tag, an dem ich in die Klinik fuhr, um mein Kind abzutreiben, war ein Dienstag, es war noch Frühling. Durch die schmutzigen Scheiben meiner Wohnzimmerfenster fiel das zarte Licht eines beginnenden Frühsommers, aus dem Hof drang das Geschrei Basketball spielender Jungs zu mir nach oben. Ich empfand in diesen Momenten, bevor ich aufbrach, eine seltsame, friedliche Stille.“

So beginnt der Debütroman der Journalistin Hannah Lühmann. Sie erzählt von Henriette, einer Doktorandin, die ihr Leben eher unstrukturiert, plan- und lustlos verbringt. Gefühlt bekommt sie nichts wirklich „auf die Reihe“, gepaart mit einer tiefen Bewunderung für all diejenigen, die es in ihrem Alter bereits zu etwas gebracht haben. Der Verdacht einer Depression liegt nahe. Er wird später von Henriette bestätigt.

Das Wissen um ihre Schwangerschaft euphorisiert sie zunächst, sie glaubt, hofft, ihr Leben nun zielgerichteter leben zu können, stellt sich vor, wie es ist, mit „ihrem Mädchen“ zu leben, bis ihr ihre Freundin Paula die „rosarote Brille von der Nase holt“. Denn Tobias, mit dem Henriette eine kurze Affäre hatte, wenn es nicht gar nur ein one-night-Stand war, ist bereits verheiratet, Vater eines Kindes und denkt nicht im Traum daran, seine Ehe zu beenden. Nach dem Schwangerschaftsabbruch fällt sie in „ein tiefes Loch“. Dennoch ist ihr – zumindest theoretisch – klar:

„Die Sache mit Tobias war nur das letze bisschen, das es gebraucht hat, um mir zu zeigen, dass es nicht reicht, vor sich hinzuleben. Dass es nicht reicht, darauf zu warten, dass die Dinge fertig werden, anders, besser. Ich musste endlich Entscheidungen treffen, auch wenn es die falschen waren, Entscheidungen treffen, so wie es wohl die meisten Menschen tun, auch wenn mir das schwer vorstellbar scheint.“

Ende Oktober nimmt sie sich mit ihrer Freundin eine Auszeit. Sie fahren in ein einfaches Ferienhaus, fernab von großen Städten und Menschen. Dort will sie an ihrer Dissertation über Werwölfe weiterarbeiten, obwohl ihr tief im Inneren klar ist, dass sie nicht wirklich daran interessiert ist, sondern nur aus Mangel an fehlenden Alternativen weitermacht. Denn sie weiß, dass „ich immer noch keine Ahnung habe, was ich will und ob ich etwas will, dass ich immer weiter nur das Gegenteil von allem tue, was gut für mich wäre, das Gegenteil von allem, was ich bräuchte.“ Paula dagegen ist optimistisch: „Du brauchst einen Schub, lass uns ein bisschen in den Wald gehen, frische Luft, vielleicht meditierst du mit mir.“

Doch Depressionen lassen sich nicht mit ein bisschen frischer Luft und Meditationen vertreiben. Und so dümpelt Henriette auch da vor sich hin, genießt die Gesellschaft der sich um sie kümmernden Paula und schläft, ungeschützt, mit Paulas Freund Tom. Das bleibt nicht ohne Folgen: Paula reist ab, die Freundschaft zerbricht.

Aus einem Brief Henriettes an Paula, drei Jahre später erfährt man eher mosaikartig, wie es Henriette in der Zwischenzeit ergangen ist. Sie ist Mutter eines kleinen Mädchens – Tom, der früherer Freund Paulas ist der Vater, doch haben sie sich mittlerweile wieder getrennt:

„Ich bin letztendlich doch noch ein sehr glücklicher Mensch geworden, Paula. Mira ist ein Engel, eine kleine Offenbarung, ein Wunder. Sie in den Armen zu halten, ist das Beste und das Heftigste, das ich jemals erlebt habe.“

Der Roman verdeutlich in einfach gehaltener Sprache die Leere, die Ziellosig- und Antriebslosigkeit – verbunden mit einem tief sitzenden Gefühl der eigenen Wertlosigkeit – einer jungen depressiven Person, ohne stets die Depression als solche zu benennen. Das überraschende Ende lässt mich skeptisch und mit vielen Fragen zurück. Hat Henriette ihre Depression im Griff, ist sie gar geheilt? Oder wiederholt sich nur die Euphorie der ersten Schwangerschaft, die sie durch einen Abbruch beendet hat?

Innerlich schüttelt es mich auch, wenn ich mir vorstelle, dass Mira, ihre Tochter, die Funktion eines Lebensinhaltes für ihre Mutter bekommen soll. Eine Aufgabe, der sie nie gerecht werden wird, und ja, es liegt auch nicht in ihrer Verantwortung. Doch soweit scheint mir Henriette in ihrem „Glück“ noch nicht zu sein. Ob Henriette eine typische Vertreterin ihrer Generation ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Hannah Lühmann, Auszeit, Roman, hanserblau, München 2021, 173 S., ISBN 978-3-446-26195-2

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