Imogen Crimp, Unser wirkliches Leben

Imogen Crimp, Unser wirkliches Leben

„Mir gefiel es, dass ich etwas konnte, wovor andere Leute zurückschreckten. Mir gefiel die Entdeckung, dass ich – die Lehrer oftmals bitten mussten, ihre Antwort zu wiederholen, weil ihre Stimme so leise war – einen Raum mit Klang füllen konnte.“

Die, die das von sich sagt, ist Laurie, eine junge Frau, die es trotz äußerer Widrigkeiten und trotz des Widerstandes ihrer Eltern geschafft hat, an einer kleinen Hochschule für darstellende Künste außerhalb Londons einen Studienplatz zu bekommen. Ihr wird sogar ein Stipendium an einem Konservatorium in London angeboten und nach dem Vorsingen erhält sie den begehrten Platz an der Opernschule.

„Nun, ich bin mir sicher, dass du da, wo du herkommst, der Star warst, sagte sie. Und hier wirst du nicht der Star sein, zumindest nicht für eine Weile, und das wird hart für dich sein, ich weiß.“

Mit diesen Worten empfängt sie ihre Lehrerin in der ersten Stunde. Doch Laurie hat eine, hat ihre Vision: einen Raum mit Klang zu füllen und das Wissen, dass ihre Stimme nicht eingesperrt werden kann, so wie ihre überaus ängstliche Mutter versucht hatte, sie vor allem Gefährlichen bzw. dem, was sie für gefährlich hielt, zu bewahren. Und das hatte eine Menge Regeln und Verbote zur Folge. Ja, für sie ist Singen eine Berufung, etwas, „was man mit Sicherheit über sich selbst weiß, wie den eigenen Namen oder die eigene Haarfarbe, selbst wenn man sich über nichts anderes sicher sein kann.“

Da Laurie nie genug Geld hat, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und die Kosten für die Teilnahme an Wettbewerben aufzubringen, singt sie ab und zu in einem Jazzlokal, in dem sie auch kellnert. Dort lernt sie Max, einen Banker kennen, der älter ist als sie. Sie verliebt sich in ihn, in seine Wohnung, seine Stellung und gerät zunehmend in einen für sie existentiellen Konflikt:

„Ich stellte keine Ansprüche an ihn, weder emotionale noch sonstige. Ich war locker, unverbindlich, die Art Frau, die er haben wollte. Aber nicht in Wirklichkeit – nein – nicht in Wirklichkeit. Innerlich versuchte ich, mich mit so viele Haken wie möglich an ihn zu heften wie eine Klette, damit er mich nicht einfach wieder abstreifen konnte.“

Er bietet ihr Geld an, damit sie nicht mehr kellnern und Jazz singen muss, da das ihrer Stimme nicht gut tut, und sie an Wettbewerben teilnehmen kann, gleichzeitig beginnt er – ganz subtil – sie von ihren Vorhaben abzuhalten: hat nur an den Tagen, an denen sie Verpflichtungen hat, Zeit für sie, weist sie daraufhin, dass sie keine finanziell gesicherte Zukunft vor sich haben wird, wenn sie Sängerin wird. Und sie bemerkt zwar, „dass ich mir immer mehr Mühe gab, die Reaktionen von ihm zu bekommen, die ich mir wünschte, dass ich das Gefühl hatte, nicht gut genug zu sein.“ und dennoch beginnt sie, sich immer weiter von ihrer Vision zu entfernen und sagt für sie wichtige Termine ab. Bis Max dann von jetzt auf gleich für sie nicht mehr erreichbar ist.

Imogen Crimp, die selbst Operngesang an einem Londoner Konservatorium studiert hat, kennt sich offensichtlich in dieser Szene, mit KünstlerInnen, ihren Gepflogenheiten z.b. nach Aufführungen, ihrem Konkurrenzverhalten aus, in der sich Laurie als in jeder Hinsicht unsichere Anfängerin bewegt. Sie, die zu Hause wenig zustimmende Aufmerksamkeit von ihren Eltern bekommen hat, hat sich zwar ein Ziel gesetzt, verfolgt eine Vision, weiß um ihre Berufung, doch da ist auch diese unterschwellige Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, das Bedürfnis, gesehen, ja sogar begehrt zu werden. Schwierig, wenn man vom eigenen (Selbst)Wert nicht überzeugt ist, ihn nicht fühlt, sondern auf Anerkennung im Außen angewiesen ist.

„Unser wirkliches Leben“ ist ein moderner Entwicklungsroman, der mich dennoch an meine eigene Kindheit erinnert und insofern erstaunt hat, als ich davon ausgegangen bin, dass moderne junge Frauen sich mit diesen Themen nicht mehr in der Form auseinandersetzen müssen. Doch wahrscheinlich ist die Frage nach dem „wirklichen Leben“ immer verbunden mit der existentiellen Frage „Wer bin ich?“. Und das ist eine, nach deren Beantwortung man immer wieder – und das lebenslang – sucht.

Imogen Crimp, Unser wirkliches Leben, Roman, a.d. Engl. v. Margarita Ruppel, hanserblau Verlag, München 2022, 464 S. ISBN 978-3-446-27285-9

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