Margrit Schriber, Das Abenteuer, eine Frau zu sein

Margrit Schriber, Das Abenteuer, eine Frau zu sein

Der als Roman-Biographie bezeichnete Band müsste aus meiner Sicht eher den Titel tragen: „Das Abenteuer, eine Schriftstellerin zu sein“. Denn Margrit Schriber, geboren 1939 als Tochter eines Wunderheilers in Luzern, hat nicht nur die Schwierigkeiten einer jungen Frau zu dieser Zeit zu bewältigen, in der es noch kein Wahlrecht gab und Frauen noch wie selbstverständlich verheiratet waren und allenfalls Hausfrau und Mutter sein konnten, neben der damit verbundenen Rolle als Ehefrau, sondern zudem mit den potenzierten Schwierigkeiten, selbstständig, unabhängig zu leben und dann auch noch Schriftstellerin werden zu wollen, der das Schreiben zum Lebensinhalt wird, ohne dass es – bei allen Schwierigkeiten – nicht geht.

„Aus dir wird eine Schriftstellerin.“

Dieser Satz ihrer Lehrerin, Schwester Maria Rita, werden zum Wegweiser und inneren Leitplanke, an der sich Margrit Schriber orientiert, ohne zunächst zu wissen, wie sie diesen Vorsatz denn überhaupt umsetzen soll bzw. kann, sie, die in einem bildungsfernen Elternhaus lebt, in dem für Bücher weder Platz, Geld, noch Interesse vorhanden ist.

„Wissen aus Büchern war in meinem Elternhaus kein Thema. Das Unerklärliche war ein Thema. Mein Vater war Wunderheiler und Seher. Mein Großvater war Wunderheiler und Seher. Es lag in ihrer Natur, mehr zu erspüren und zu erahnen.“

Sie fragten sie folgerichtig also vielmehr:

„Wozu musst du schreiben? Was bringt es dir und der Welt, wenn du Sätze kritzelst? Du hast einen Mund zum Reden. Augen zum Schauen und Ohren zum Zuhören und einen Kopf zum Denken. Vor allem hast du einen Verstand und ein Herz zum Entscheiden. Das ist alles, was du zum Leben brauchst. … Mein Versprechen, zu schreiben war nicht leicht einzulösen.“

Aber sie hat es eingelöst, unter allen Umständen und mit viel Mühen, von denen sie ausführlich erzählt, denn gleichzeitig musste und wollte sie auch dafür sorgen, dass sie finanziell unabhängig ist und ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten kann. Sie arbeitet zunächst als Bankangestellte, später dann als „Feuerwehr“ in der Bank, d.h. sie wird immer dann gerufen, wenn ausgefallen ist, zeitweilig auch als Modell und Werbegrafikerin.

Leser:innen begleiten Margrit Schriber in diesem Buch durch ihr gesamtes (schriftstellerisches) Leben, in dem ihre Freundin Dolly, eine völlig verrückte „Nudel“, die ihr gesamtes Leben über so gar nicht den damals vorherrschenden (Vor-)Bild einer Frau, eine wesentliche Rolle spielt, bis diese – inzwischen in einem Altersheim lebend, wo sie alles auf den Kopf stellt – an Covid 19 verstirbt.

Margrit Schriber, inzwischen über 80 Jahre alt, sagt von sich:
„Mein Enthusiasmus ist ungebrochen. Ich bete die Schönheit an, die mich umgibt. Ich gehe vor dieser Pracht in die Knie. Wie andere vor mir und andere nach mir.“

„Das Abenteuer, eine Frau zu sein“ ist eine interessante Lektüre, quasi ein Spaziergang durch das letze Jahrhundert unter speziell weiblicher Perspektive, spezialisiert durch die besondere Rolle, sich als Frau und Schriftstellerin zu entwickeln und zu etablieren.

Die Arbeiten von Margrit Schriber kenne ich (noch) nicht – habe mir jetzt aber einen Roman bestellt – kann ihre schriftstellerischen Fähigkeiten also nicht wirklich beurteilen, obwohl sie selbst viele Einblicke in die Themen ihrer Arbeiten gibt, die sich im Nachhinein oft als ähnlich hellseherisch herausstellen wie die Vorhersagefähigkeiten ihrer Vorfahren.

Manchmal finde ich ihre Ausführungen in diesem Buch wiederholend und oft so allgemein, dass sie – für mich – dann schon fast ins Klischeehafte rutschen:

„Ich schrieb einmal: Ein Mensch sollte sich in die Sterne schreiben. Es ist mein Credo. Und stimmt für mich. Das Leben ist viel zu kurz, viel zu einmalig, um es zu verschwenden.“

Doch was heißt: Das Leben zu verschwenden? Das genau erfährt man nicht. Das Kapitel endet an der Stelle.

Margrit Schriber, Das Abenteuer, eine Frau zu sein, Roman-Biographie, Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2022, 238 S., ISBN 978-3-312-01258-9

6 Gedanken zu „Margrit Schriber, Das Abenteuer, eine Frau zu sein

  1. Die Frau kenne ich – bin ihr sogar schon persönlich begegnet – und ein paar ihrer Bücher auch.
    Ob ich diese Biografie lesen möchte, weiss ich noch nicht.
    Danke für die hilfreiche Besprechung und lieben Gruss,
    Brigitte

  2. Ich war vor vielen Jahren (etwa von „Aussicht gerahmt“ oder „Luftwurzeln“) recht angetan. Danach habe ich mich weniger mit ihren Büchern befasst.
    Es ist auch im Literaturbetrieb ziemlich still um sie geworden.

    1. Das thematisiert sie in dieser Roman-Biographie ebenfalls. Jüngere sind einfach stärker gefragt, behauptet sie.
      Ich kann es nicht überprüfen, ob’s allein daran liegt.
      Liebe Grüße

  3. Ich finde, das Leben zu verschwenden, können viele Dinge sein – sie zu tun oder sie zu lassen.
    Vielleicht finden sich deshalb keine Antworten bei Schriber, weil die Antworten so vielseitig, so individuell sind.
    Für mich ist es eine von vielen möglichen Verschwendungen, mich mit Büchern zu befassen, die ich persönlich nicht lesenswert finde. Keine tragische Zeitverschwendung, aber doch eine kleine.
    Mich mit Menschen zu umgeben, die meinen Energiehaushalt empfindlich stören und mir weder guttun, noch mir Gutes wollen, ist definitiv schon eine wesentlichere Lebenszeit-Verschwendung . Mich freiwillig an Orte zu begeben, an denen es laut und hektisch zugeht, ebenso.
    Die Liste ließe sich fortsetzen, sie sieht sicherlich für jeden anders aus.

    Ich schätze es so ein, dass es durchwegs schwierig sein kann, sich im Literaturbetrieb andauernd Gehör zu verschaffen. Da muss man vermutlich richtig am Ball bleiben, wahrscheinlich auch gut vernetzt sein. Es braucht wohl auch einiges an Marketing, um präsent zu sein.

    Liebe Grüße!

  4. Ich denke, man/ frau kann Lebenszeit verschwenden ;)
    Unter „Leben verschwenden“ verstehe ich eher einen genussvollen, verschwenderischen Umgang mit dem, was ist.
    Herzliche Grüße zur Nacht.

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