Thea Dorn, TROST, Briefe an Max

Thea Dorn, TROST, Briefe an Max

Wut und Verzweiflung über den Corona-Tod ihrer vierundachzigjährigen lebensfrohen Mutter sind die zu Beginn vorherrschenden Gefühle Johannas, einer Fensehjournalistin, die sie sich von der Seele schreibt.

Dabei weiß sie selbst nicht so genau, auf wen oder was sie konkret wütend sein soll: Auf die Mutter, „weil sie sich in ihrem verdammten Leichtsinn für unsterblich hielt“, zu Beginn der Coronapandemie noch eine Italienreise unternimmt und sich diebisch über die Leere in den Museen freut. Oder ob sie über die „blinden Politiker“ wüten soll, die „nicht sehen wollten, welche Gefahr auf uns zukommt. Gestorben, weil Wissenschaftler fröhlich verkündet haben, mit ein bisschen Händewaschen und In-die-Armbeuge-Niesen sei dieses Virus schon auszutricksen. Gestorben, weil unsere Krankenhäuser von einer Seuche heillos überfordert sind.“

Es ist eine Achterbahn gemischter Gefühle und vieler Fragen nach dem Warum, nach den Schuldigen, Verantwortlichen, letztlich nach der wesentlichen Frage: Wie geht Leben angesichts der Unausweichlichkeit auch des eigenen Todes?

Auf der Suche nach einer, nein nach ihrer eigenen Antwort unternimmt sie einen „Ritt“ durch die Geschichte der Philosophie, angeregt durch die Postkarten ihres ehemaligen philosophischen Lehrers Max, der durch seine Fragen und Impulse auf den Postkarten zunächst Widerstand und Widerspruch bei ihr auslöst.

Sie stürzt sich – offensichtlich ohne sich zu schützen, also mit vollem Risiko – ins „volle Leben“ um sich dann auch noch mit den Ängsten, sich möglicherweise anderweitig angesteckt zu haben herumzuplagen. Kurz, sie hat den Boden unter den Füßen verloren und unternimmt diverse Versuche, angesichts der Pandemie und des gesellschaftlichen Umgangs damit, eine Grundlage für ihr Leben nach dem Tod der Mutter zu finden. Extrem schwer in diesen Zeiten, da echte menschliche Nähe kaum möglich ist.

Es ist ein Buch, das sich auf der Grundlage der aktuellen Pandemie mit den – eigentlich schon immer – wichtigen Fragen nach dem Sinn des Lebens befasst, angesichts der eigentlichen Endlichkeit, um die jeder weiß, die aber meist jeder verdrängt.

Ein wichtiges, lesenswertes Buch, das einen nicht nur rational, sondern auch emotional ziemlich herausfordern kann. Mich hat es an vielen Stellen in Reaktion gebracht, ähnlich der Johannas, die – aufgrund ihrer Betroffenheit – verständlicherweise zu Beginn der Auseinandersetzung sehr emotional vorgeht.

Johannas Fazit, so es denn überhaupt ein Fazit geben kann, lautet: “ Ich weiß jetzt, dass sich das Leben nur umarmen lässt, wenn ich auch bereit bin, den Tod zu umarmen. Ich weiß jetzt, warum der Mensch zwei Arme hat – damit er die großmöglichen Widersprüche an die Brust drücken kann: Leben und Tod; Festhalten und Loslassen; Kampf und Kapitulation; Rebellion und Ergebenheit. All das weiß ich. Und weiß noch immer nicht mit letzter Gewissheit, wie ich’s mir in die Brust drücken soll.“

Thea Dorn, Trost, Briefe an Max, Penguin Verlag, München 2021, 172 S., ISBN 978-3-328-60173-9

6 Gedanken zu „Thea Dorn, TROST, Briefe an Max

  1. Das Buch ging mir nicht nahe, es war, als wäre da eine Art Verhinderungswand…
    Das war bei dir nicht so. Gut, es gibt so viele Leseweisen wie es Leser gibt…
    Gruß von Sonja

    1. Das geht kaum, mein Unbehagen beim Lesen mit simplen Worten auszudrücken. Auch wenn ich Frau Dorn beim Moderieren oder so zuhöre, kommt kein „Feuer“ rüber, wie es mich bei zum Beispiel Elke Heidenreich mitriss…Da fällt mir ein, dass ich die geschilderte, leider verstorbene Mutter im Dorn-Buch nur zu gerne näher kennengelernt hätte…aber sonst, es ging halt nicht an mich, salopp gesagt!

    2. Danke für deinen Versuch.
      Als Moderatorin kenne ich sie nicht.
      Einige Passagen – die Suche nach einer Antwort bei Philosophen der Antike – im Buch fand ich auch recht konstruiert oder auch unphilosophisch, weil die krampfhaft wirkende philosophische Herangehensweise an ihre Trauer nicht darüber hinwegsehen ließ, dass sie lange Zeit einfach auf der Suche nach einem „Schuldigen“ war.
      LG

  2. Für mich tönt das gut. Allerdings könnte ich im Moment, nach dem Tod meiner eigenen Mutter, so eine Lektüre – noch – nicht verkraften.
    Aber danke für die schöne Rezension.
    Und lieben Gruss,
    Brigitte

  3. Alles hat seine Zeit –
    und jede(r) braucht anderes in der Trauer.
    Mir persönlich haben solche Bücher in meiner Trauer geholfen, meinen eigenen Weg heraus zu finden bzw. mit ihr zu leben.
    Herzliche Morgengrüße

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