Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm

Es ist eine Sommergeschichte, eine 1931 entstandene Auftragsarbeit des Ich-Erzähler, der mit seiner Geliebten, genannt Prinzessin, seinen Sommerurlaub in Schweden auf Schloss Gripsholm verbringt. Freunde kommen sie besuchen, sie genießen die Sommerfrische mit allen Sinnen. Getrübt wird diese unbeschwerte Zeit durch die Begegnung mit einem äußerst verängstigten, ja schon fast verwirrten kleinen Mädchen, das ganz in der Nähe in einer von Frau Adriani, einer Deutschen, geleiteten “Erziehungsanstalt” leben muss. “Es war hier so allein. … Niemand war da. Das Kind war allein. Es dachte das Wort nicht - viel schlimmer: Es fühlte die Einsamkeit, wie nur Kinder sie fühlen können.” Frau Adriani ist eine Erzieherin, der es nur um Geld und um die Macht über die ihr anvertrauten Kinder geht. Selbst wenn sie weint, weit sie aus Wut : “Frau Adriani weinte. Es klang wie wenn jemand auf einer kleinen Kindertrompete blies, es war mehr eine Art Qäken … so machen die kleinen Gummischweinchen, wenn sie die Luft von sich geben und verrunzelnd zusammenfallen.” Die Urlauber sehen ihre Verantwortung und handeln.
Eine Geschichte, deren Inhalt schnell erzählt ist, die scheinbare Längen hat, etwa, wenn die Reise beschrieben wird, auf der eigentlich nichts Erzählenswertes passiert. Und dennoch ist mir nicht langweilig geworden. Denn die Faszination dieser Erzählung besteht für mich in der sprachlichen Darstellung des Geschehens, der Personencharakterisierung , in der Ironie, den feinen Anspielungen auf das damalige Deutschland und der oftmals bedenkens-werten Anmerkungen und Fragen:
” ‘- warum ist es so laut im menschlichen Leben? … Immer ist etwas. Immer klopfen sie, oder sie machen Musik, immer bellt ein Hund, marschiert dir jemand über deiner Wohung auf dem Kopf herum, klappen Fenster, schrillt das Telefon- Gott schenke uns Ohrenlider. Wir sind unzweckmäßig eingerichtet. ‘Schwatz nicht’, sagte die Prinzessin. ‘Hör lieber auf die Stille!’ ”

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm, Eine Sommergeschichte, Köln 2006, 142. s. ISBN 3-938484-71-3

Datum: 19. Juli 2008
Themengebiet: Rezensionen, Worte, Zitate Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

2 Kommentare

  1. Goldmarie | Sonntag, 20. Juli 2008 14:34
    1

    Schloss Gripsholm ist auch als Hörbuch bei Diogenes erscheinen; ausgezeichnet gelesen von Heike Makatsch. Sie beherrscht das vorkommende Platt hervorragend, was das Lese- (in dem Fall HÖR-)Vergnügen erhöht!

  2. 2

    [...] (Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm, S. 25) [...]

Kommentar abgeben