Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen

Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen

Birgit Birnbacher erzählt in diesem Roman von der alleinerziehenden Ann und ihrem Sohn Oz, ausgestattet mit der Diagnose ADHS. Beiden fällt es in in ihrer als „normal“ geltenden Umgebung schwer, klar zu kommen mit sich und den anderen.

Eingebettet ist dieser Roman in eine Rahmenhandlung über ein Ereignis, das Oz in der Schule hatte. Es überschattet die freudige Nachricht über seinen erreichten Notendurchschnitt , da er von seiner Lehrerin einen Brief für seine Mutter mitbekommen hat. Oz wünscht sich eine kleine Katastrophe, damit er seiner Mutter die wahrscheinlich gute Laune über sein Zeugnis nicht sofort verdirbt.
Zu Hause angekommen erfährt er, dass tatsächlich etwas passiert ist: Die Zilly-Oma, die Mutter seiner Mutter, ist verschwunden. Sie ist aus einem Krankenhaus weggelaufen.

Der Roman erzählt, wie unterschiedlich Menschen die gleichen Situationen erleben und dann natürlich auch beurteilen, wie neurodiverse Menschen mit scheinbar normativen Situationen ihre Schwierigkeiten haben und von den anderen kaum oder gar nicht verstanden werden mit zum Teil weitreichenden Folgen.

Die Situation bei der „Bildungsberaterin“ erfahren wir aus der Sicht der Mutter, die sich ihrer Ängste und der sich daraus ergebenden Vorurteile dieser Frau gegenüber, die ihren Sohn ja beurteilen soll, schon bewusst ist, sie aber nicht abstellen kann und der von Oz, der den Auftrag seiner Mutter, „sich von der besten Seite zu zeigen, stillzusitzen und aufmerksam zu sein“ versucht umzusetzen:
„Er soll tun, was die Bildungsberaterin ihm sagt.
Er soll sich den Namen der Bildungsberaterin merken und zuhören, wenn sie spricht.
Deswegen mustert er sie, wie er da so neben seiner Mama sitzt, die ebenfalls nicht stillsitzen kann, und versucht, etwas an der Bildungsberaterin zu finden, das ihn interessiert.“

Diese Passage zeigt aber auch, wie letztendlich eng Mutter und Sohn sind, die sich beide gut in den anderen hineinversetzten können.

Die Suche nach der Zilly-Oma führt die LeserInnen dann auch in Anns Kindheit mit ihrer Schwester in einem kleinen Dorf zurück, in der ihre Mutter schon als komisch galt, da sie las und vor allem Gedichte las.

Ob der Roman tatsächlich Menschen mit ADHS und ihrer Art zu denken, die sicher ja auch nicht „über einen Kamm“ zu scheren sind, gerecht wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Deutlich aber macht er, wie unterschiedlich Menschen unterwegs sind und wie leicht es zu Missverständnissen zwischen ihnen kommen kann, wenn selten jemand bereit oder in der Lage ist, zuzuhören und wirklich verstehen zu wollen. Dann sind Menschen wie voneinander unabhängige Planeten, die sich in den seltensten Fällen berühren und begegnen.

Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen, Roman, Zsolnay Verlag, Wien 2026, 214 S. ISBN 978-3-552-07521-4

6 Gedanken zu „Birgit Birnbacher, Sie wollen uns erzählen

    1. Bei uns zu Hause war das reine Zeitverschwendung.
      Dann habe ich u.a. Germanistik studiert, war dann irgendwie auch nichts, da ich ja ständig „nur“ gelesen habe, für meine Mutter stets abrufbereit war, wenn sie Hilfe im Haushalt wollte.
      Tja: meine Konsequenz: der Auszug ins Studentenwohnheim …

  1. Ich habe reichlich Kontakt zu Kindern mit dieser Diagnose gehabt. Für viele war / ist es ein Leidensweg, weil in vielen Klassenverbänden Überforderung mit dem Thema herrscht/e. Die Herausforderungen sind ganz unterschiedliche, wie wohl auch Erwachsene mit dieser Diagnose bestätigen werden.
    Das Buch klingt sehr spannend.

    Tja, Lesen macht verdächtig. Das ist mir auch schon begegnet, man sei ja in dieser Zeit nicht produktiv.
    Heute kann uns das niemand mehr schief anrechnen,
    liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert