Verloren

Verloren

Ich komme nicht mehr zurecht mit dem Leben,
ich bin verwunschen in fremdes Geschick,
daß auch meine Freuden kein Glück mehr ergeben.
Ins Leere verliert sich mein williger Blick.

Ein Bittres verbirgt sich in allen Geschenken,
daß Furcht mich vor jeder Wohltat befällt,
und weil ich stets an das Verlorne muß denken,
so ist mir der Gegenwart Gutes vergällt.

Die kleine Freude an Tier und Blüte,
an Menschen und Büchern und Bildern verblaßt.
Was einst ich besah mit verklärender Güte,
ist heut mir lästig, zuwider, verhaßt.

Nahm früher ich teil an allem Gedachten,
war gern gesprächig, gesellig, bewegt,
heut scheint mir so sinnlos das Reden und Trachten,
weil es immer mich selbst nur unfruchtbar erregt.

Die Welt ist alt und bösartig geworden,
es überrennt uns ein wüstes Geschlecht.
Es findet sich in all dem Drohen und Morden
mein friedliebendes Leben nicht mehr zurecht.

(Max Herrmann-Neiße)

4 Gedanken zu „Verloren

  1. Diese Gedanken erschüttern – und erinnern mich in einigen Zeilen an ein tiefes Tal einer persönlich erlebten Depression.
    Ich bin dankbar, dass mir diese Zeilen nicht mehr aus der Seele sprechen.
    Die Zeit, in welcher der Schriftsteller lebte, war eine, die sich sehr schwer auf das Gemüt vieler Menschen gelegt hat. So gesehen überraschen seine Worte nicht und es verwundert mich auch nicht, dass sich auch in der Gegenwart Menschen verloren fühlen.
    Nachdenkliche Grüße nach Speckhorn

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