Verloren

Ich komme nicht mehr zurecht mit dem Leben,
ich bin verwunschen in fremdes Geschick,
daß auch meine Freuden kein Glück mehr ergeben.
Ins Leere verliert sich mein williger Blick.
Ein Bittres verbirgt sich in allen Geschenken,
daß Furcht mich vor jeder Wohltat befällt,
und weil ich stets an das Verlorne muß denken,
so ist mir der Gegenwart Gutes vergällt.
Die kleine Freude an Tier und Blüte,
an Menschen und Büchern und Bildern verblaßt.
Was einst ich besah mit verklärender Güte,
ist heut mir lästig, zuwider, verhaßt.
Nahm früher ich teil an allem Gedachten,
war gern gesprächig, gesellig, bewegt,
heut scheint mir so sinnlos das Reden und Trachten,
weil es immer mich selbst nur unfruchtbar erregt.
Die Welt ist alt und bösartig geworden,
es überrennt uns ein wüstes Geschlecht.
Es findet sich in all dem Drohen und Morden
mein friedliebendes Leben nicht mehr zurecht.
(Max Herrmann-Neiße)
8 Gedanken zu „Verloren“
Passt!
Was passt wie?
es spricht mir aus der Seele. Das habe ich noch in keinem Kommentar geschrieben, doch genauso ist es.
LG Wolfgang
Oh, hoffe nicht , dass es eine „verlorene“ ist, die keine Zuversicht mehr generieren, sondern der Welt immer noch ein „Und dennoch“ entgegensetzen kann.
Herzliche Abendgrüße
Diese Gedanken erschüttern – und erinnern mich in einigen Zeilen an ein tiefes Tal einer persönlich erlebten Depression.
Ich bin dankbar, dass mir diese Zeilen nicht mehr aus der Seele sprechen.
Die Zeit, in welcher der Schriftsteller lebte, war eine, die sich sehr schwer auf das Gemüt vieler Menschen gelegt hat. So gesehen überraschen seine Worte nicht und es verwundert mich auch nicht, dass sich auch in der Gegenwart Menschen verloren fühlen.
Nachdenkliche Grüße nach Speckhorn
Es freut mich, dass diese Verse deinen Seelenzustand nicht (mehr) widerspiegeln.
Ein Zustand völliger Freudlosigkeit muss entsetzlich sein.
Ich habe es bisher geschafft, stets ein „Trotz allem“ zu entwickeln und hoffe, dass mir diese Resilienz auch in zukünftigen Krisen zur Verfügung steht.
Hab eine geruhsame, friedliche Nacht.
In diese niedergeschlagene, freud- und hoffnungslose Stimmung könnte man tatsächlich manchmal geraten, wenn man sich zu sehr von den misslichen Nachrichten oder einer ausweglosen Lage vereinnahmen lässt.
Aber gerade die Schönheit eines Anblicks wie auf deinem bezaubernden Foto oder ein Spaziergang in die Natur ist ein wunderbarer „Aufsteller“ für triste Gedanken und bedrückte Gemütszustände.
Einen nachdenklichen, aber immer noch lebensfrohen Gruss,
Brigitte
Bisher hat mich Schönheit im weitesten Sinne trösten können und mein Widerspruchsgeist oder ist es mein Lebenswille, mich nicht unterkriegen zu lassen.
Aber in welch verzweifelter Lage der Autor gewesen ist oder auch heute von Krieg und Verfolgung Betroffene sind, mag ich nicht ermessen.
Die Frage stelle ich mir allerdings des öfteren angesichts der weltpolitischen Lage und der zunehmenden Rechtslastigkeit und Gewaltbereitschaft auch in unseren Breitengraden.
Grüße dich ebenfalls nachdenklich und dennoch lebensmutig