Annet Mooij, Das Jahrhundert der Gisèle

Annet Mooij, Das Jahrhundert der Gisèle

Gisèle van Waterschoot van der Gracht (1912-2013) wird als „Jahrhundertgestalt“ bezeichnet, was ja schon aufgrund ihres langen Lebens eine korrekte Bezeichnung ist.

Annet Mooij “ beleuchtet mit feinem Gespür für Details“ das Leben dieser Malerin, so liest man auf dem Cover dieser Biografie, wobei ich ihr Gespür eher als „Detailverliebtheit“ bezeichnen würde, die es mir persönlich schwer macht, Zugang zu Gisèle als Person zu bekommen.

Das erste Kapitel „Wurzeln“ liest sich wie ein ausführlicher Stammbaum ihrer Familie, der bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückzuverfolgen ist.
Sicher „Herkunft und Erziehung spielen im Leben eines jeden Menschen eine entscheidende Rolle, … Gisèle konnte in dieser Hinsicht besonders zufrieden sein. Sie … fühlte sich in ihrem Milieu so behaglich aufgehoben wie in einem Pelzmantel.“ Doch was dann folgt ist die Geschichte der Burg Hainfeld, auf der sich Gisèle in der Gegenwart ihrer Verwandten sehr wohl gefühlt hat, da sie sich dort frei bewegen konnte. Mir persönlich ist das in dieser epischen Breite und Detailgenauigkeit zu viel an Informationen, wenn ich denn an einer Person interessiert bin.

Die gesamte Biografie liest sich eher als eine wissenschaftliche Arbeit, in der Genauigkeit, Überprüfbarkeit, Literaturhinweise, 40 Seiten Anmerkungen – zum Glück im Anhang und nicht als Fußnoten – 8 Seiten Quellenhinweise und ein 6 seitiges Personenregister etc. im Vordergrund stehen und nicht das gut lesbare, interessant geschriebene Leben einer ungewöhnlichen Künstlerin, die man über eine Biografie näher kennenlernen möchte. Sie sogt bereits früh mit ihrem Freiheitswillen und „Ungehorsam“ in ihrer Familie für Aufruhr, da ihr ihr „guter Ruf“ eher egal ist im Gegensatz zu ihren streng katholischen Eltern, die penibel – ganz im Sinne ihrer gesellschaftlichen und religiösen Zugehörigkeit – darauf achten, um die Heiratsaussichten ihrer Tochter nicht zu gefährden. Alles, was hätte schaden können, wurde ausgeblendet, verschwiegen.

Wenn das nicht „Stoff“ für eine interessante Biografie ist. Lernt Gisèle neue Menschen kennen, die für ihre künstlerische Entwicklung wichtig waren, so liest man erst eine eher langatmige, und damit für mich langweilige Vita dieser Person. Und noch einmal: Zu wissen, wen Gisèle da kennenlernt, ist wichtig. Doch für mich sollte bei der Auswahl der Informationen die Person der Gisèle im Fokus stehen und nicht die Feinheit der Details.

Aber das ist mein Problem an dieser Arbeit, bei der auch der Titel nicht so ganz klar macht, ob es nun um Gisèle oder um das Jahrhundert geht. Für mich eine eher zähe Lektüre, doch das ist sicher kein Argument gegen das Buch. Nur braucht es andere Leser*innen als mich.

Annet Mooij, Das Jahrhundert der Gisèle, Mythos und Wirklichkeit einer Künstlerin, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. 2020, 476 S., ISBN 978-3-7632-7163-4

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