Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken

Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken

Dieser Roman war der Tipp einer „meiner“ beiden Buchhändlerinnen an eine andere Kundin. Es fielen Stichworte, die mich haben aufhorchen und das Buch kaufen lassen. Zwei Kundinnen gleichzeitig bedient ;)

Der Roman „Löwen wecken“ beginnt mit folgenden Sätzen:

„Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr. Und als er ihn umfuhr, dachte er im ersten Moment immer noch an den Mond und hörte dann mit einem Schlag auf, als hätte man eine Kerze ausgeblasen.

Der erste Satz zieht sich leitmotivisch durch den gesamten Roman, den man kaum aus den Händen legen kann. Denn was sich aus dem Unfall ergibt, ist kaum vorstellbar:

„Er“ ist der Neurochirurg Etan Grien, den man im wahrsten Sinne in die Wüste verbannt hat, als er Korruptionen seines Chefs publik machen wollte. Aus Rücksicht auf seine Familie hat er davon allerdings Abstand genommen und arbeitet nun in einem Krankenhaus in der Wüste Israels. Auf dem Rückweg von seiner Arbeit gönnt er sich eine „Spritztour“ durch die Wüste mit verheerenden Folgen.

Als Neurochirurg weiß er, dass das Unfallopfer seine Verletzungen nicht überleben wird. Also entscheidet er sich – seiner Familie wegen – , den Unfall nicht zu melden und auch seiner Frau davon nichts zu erzählen.

Einen Tag später steht die Frau des Unfallopfers vor der Tür und Etan Griens Frau, die als Kriminalbeamtin arbeitet, setzt ihren ganzen Ehrgeiz ein, den Unfalltod aufzuklären, den ihre Kollegen ad acta legen wollen, da es sich ja „nur“ um einen illegalen Flüchtling handelt.

Die sich entwickelnde Handlung ist unglaublich spannend und psychologisch stimmig, soweit ich das beurteilen kann. Doch die Autorin ist studierte Psychologin. Dennoch habe ich mir zwischendurch doch das ein oder andere Mal die Frage gestellt, ob sich etwas tatsächlich so ereignen kann. Doch die Spannung jagt einen durch den sehr facettenreichen Roman.
Zudem ist Literatur Fiktion und hat die Freiheit, Ereignisse zu komprimieren, zu konstruieren, damit Grundlegendes sichtbar und deutlich wird.

Die erzählte Handlung – aus der Perspektive aller beteiligten Protagonisten – macht quasi „nebenbei“ viele gesellschaftlich relevante Themen deutlich: unter anderem die Korrumpierbarkeit von Eliten oder solche, die sich dafür halten, Vorbehalte der Polizei gegenüber Minderheiten und weiblichen Mitarbeiterinnen, die katastrophale finanzielle und gesundheitliche Situation der oft illegalen Flüchtlinge …

Und auch auf der persönlichen Ebene des Neurochirurgen Etan Griens werden vorherrschende Vorbehalte, Vorurteile gegenüber Migranten deutlich, die sicher nicht nur diesen einen Arzt betreffen.
Ein wirklich lesenswerter, unterhaltender, spannender Roman.

Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken, Zürich-Berlin, 17. Auflage 2021, 424 S., ISBN 978-3-0369-5940-5

11 Gedanken zu „Ayelet Gundar-Goshen, Löwen wecken

  1. Du lieber Himmel, das ist ja ein Buchanfang wie ein Hammerschlag! Ja, das ist wohl ein brisantes Buch in verschiedenerlei Hinsicht.
    Merci fürs Berichten.
    Lieben Morgengruss,
    Brigitte

  2. Ziemlich gewagt, Dir hier immerzu in Deine Rezensionen zu folgen … Meine Bücherliste wird nämlich immer länger!
    Ich mag Bücher, die derart Spannendes mit weiteren mir wichtigen Themen verweben. Wenn mir die Sprache auch noch gefällt, dann scheint dies tatsächlich ein Pflichtbuch für mich zu sein ;-)
    Herzlichen Dank für eine sehr einladende Buchbeschreibung!
    Mit meinen besten Wünschen für ein erholsames Wochenende!

    1. Dann ist es sicher ein Buch, was dir gefallen wird ;)
      Lange Bücherlisten ist manchmal auch eine Erleichterung für Freunde etc. wenn man gefragt wird, was man sich wünscht.
      Nur Zeit, die muss man dann selbst aufbringen ;)
      Liebe Grüße und danke für deine Rückmeldung.

  3. Danke für diese Mini-Rezension, die auf diesen Roman neugierig macht. Kein und Aber produzieren ja viele schöne Bücher. Wir werden sicher in dieses Buch hineinschauen.
    Herzliche Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    :-) :-) :-) :-)

  4. Ja, es musste das Mini-Format sein, um nicht zu viel zu verraten;)
    Ich will mit meinen Rezensionen Appetit auf Bücher, die ich aus ganz unterschiedlichen Gründen für lesenswert halte.
    Hab mal kurz auf dem blog Blog vorbeigeschaut. Sehr interessant, komme wieder, muss mich aber erst auf der Speisekarte zurecht finden. Das Angebot scheint sehr vielfältig zu sein.
    Ist – bei Gefallen – eine Aufnahme in meine Blogroll gewünscht und erlaubt ;)
    Herzliche Grüße ins kleine Dorf am Meer genau das fehlt mir hier ;)

  5. Schön, dass du dieses Buch vorstellst.
    Ich hab‘ die Autorin Ayelet Gundar-Goshen bereits 2016 für mich entdeckt, genau mit „Löwen wecken“ – und war sofort begeistert von ihrem Schreibstil. Gespannt auf mehr habe ich dann auch „Lügnerin“ und „Eine Nacht, Markowitz“ von ihr gelesen.
    Schuld und Sühne sind u.a. Themen, die sie in ihren Büchern (v)erarbeitet. Dass sie Psychologie studiert hat, spürt man in ihren Werken, die sehr spannende, häufig psychothrillerartige Elemente enthalten.
    Angeregt durch deinen Blogeintrag werde ich mich nun mal umschauen, was es Neues von ihr gibt.
    Herzl. Dank dafür und liebe Grüße – Monika

    1. Merci für deine Rückmeldung. In meinem nächsten Urlaubsgepäck befindet sich mit Sicherheit ein weiterer Roman von ihr. So interessant und spannend war mir dieser Roman.
      Herzliche Grüße

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