Bodo Kirchhoff, Verlangen und Melancholie

Bodo Kirchhoff, Verlangen und Melancholie

An einem Prachttag, an dem man das Gefühl haben kann, „als sei man bis auf weiteres unsterblich“ liegt „ein Brief im Kasten, weiß mit einem Rand im Ton des (schwarzen) Panthers“.

Auf dem Weg mit dem Fahrstuhl in die 10. Etage geht Hinrich, pensionierter Feuilletonist bei der „Zeitung der Zeitungen“, in Gedanken durch, von wem der Brief sein könnte: „Wen hatte ich in den letzen Jahren aus den Augen verloren, ohne dass er oder sie und die Hinterbliebenen mich aus den Augen verloren hätten?“

Im 10. Stock angekommen hat der Leser einen Schnelldurchgang durch Hinrichs Leben hinter sich, kennt wesentliche Ereignisse und Personen und hat auch schon eine Ahnung davon, dass es mit dem Gefühl der „Unsterblichkeit“ nicht allzu viel auf sich hat, bezeichnen ihn doch Nachbarn als Scheintoten.
In seiner Wohnung legt Hinrich den Brief ungeöffnet in eine Schublade. Erst Monate oder mehr als 300 Seiten später lässt Hinrich in Warschau einen Bekannten den Brief öffnen und vorlesen.

Der Leser begleitet Hinrich durch seinen schon ziemlich ungewöhnlichen Alltag, seine Gedanken- und Erinnerungen. Hinrich hilft seinem Enkel bei der Vorbereitung zum mündlichen Abitur, unterstützt seine Tochter beim Entwurf für einen Vortrag zu ihrer ersten, von ihr kuratierten Ausstellung, holt mit dem Enkel Schwarzgeld aus der Schweiz nach Deutschland, sucht eine frühere Geliebte in Warschau auf, um sie mit einem Teil des Geldes zu unterstützen und arbeitet als Wärter in der Ausstellung seiner Tochter und soll dort demnächst auch Führungen machen.

Doch seit neun Jahren ist es ein Alltag ohne seine Frau Irene, die sich an einem Sommertag von ihm verabschiedet mit „der Erklärung, sich einer Kundgebung gegen den Flughafenausbau anzuschließen und ein neuer Mensch zu werden.“ Statt zu dieser Kundgebung zu gehen, begeht sie Suizid, indem sie sich vom Goetheturm stürzt.

Die Frage nach dem „Warum“ lässt Hinrich – trotz seiner Aktivitäten – seitdem nicht mehr los. Es gibt keinen Abschiedsbrief. Nur seine Erinnerungen an das Leben mit Irene angefangen vom Kennenlernen, durch die Tiefen und Höhen ihrer Liebe, bis hin zu den letzten Tagen bleiben ihm, um eine Antwort zu finden, die er nie formuliert, obschon dem Leser zumindest nach und nach klar wird, dass Irene depressiv gewesen ist, was Hinrich nicht auffangen konnte.

Es ist ein Ehe- und Liebesroman, aus der Rückschau und fast ausschließlich aus
der Perspektive Hinrichs erzählt, der sein Leben wie einen Film betrachtet, mit allen „Zutaten“, von denen ein Film profitiert: Liebe in all ihren Facetten, Scheitern, Tod und der Frage nach dem Sinn des Ganzen.

Diese Frage kann er theoretisch nicht beantworten, wohl aber durch sein Handeln, das bestimmt ist durch „Verlangen, das immer nur fast erreichbare Glück, die ewige Differenz.“
Für ihn gibt es trotz allem noch „Zukunftsmusik“.

Ein gut, ausschweifend und detailliert, aber nicht langtmig erzählter Roman, der einen auch lange noch nach der Lektüre beschäftigt, weil existentielle Fragen angeschnitten werden, ohne pädagogischen Zeigefinger und ohne fertige Antworten. Und das ist gut so.

Bodo Kirchhoff, Verlangen und Melancholie, FVA, Frankfurt/M. 2014, 444 S., ISBN 978-3-627-00209-1

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