Christian v. Ditfurth, Giftflut

Christian v. Ditfurth, Giftflut

„Giftflut“ ist der dritte Kriminalroman Ditfurths mit Kommissar Eugen de Bodt, einem eigenwilligen, einzelgängerischen Kommissar.

De Bodt setzt sich ständig – im Sinne seiner bisher immer erfolgreichen Ermittlungen – über Hierarchien, Kompetenzbereiche, Länder- und damit auch Ermittlungsgrenzen hinweg und gibt nichts auf Vorgesetzte, genauso wie Lebranc, ein französischer Kommissar, mit dem er im Verlauf der Ermittlungen zu tun hat. Denn die aufzuklärenden Anschläge werden in Berlin, Paris, London und weiteren europäischen Ländern verübt. Es scheinen terroristische Anschläge auf Europa zu sein: „Der Terror kroch in die Köpfe. Die Angst vor dem nächsten Anschlag größer noch als die Empörung über den letzten.“

„De Brodt hatte auf dem Heimweg durch den Schnee im Görlitzer Park über sich nachgedacht. Verachtete er … alles und jeden? Er war zu dem Schluss gekommen, dass er dazu neigte. Wie jeder, der besser war. Er hielt sich nicht für besser. Er war es. Er war ein besserer Polizist als die Kollegen im LKA.“ Salinger, seine Kollegin, wirft ihm vor:
„Du bist auf dem Egotrip.“ „Das war ich schon immer.“ Er liebt es „auf der Rasierklinge zu tanzen“.

Für den Erfolg seiner Ermittlungen setzt er sogar den Zusammenhalt seines Teams aufs Spiel. Einzelne bekommen Aufträge von ihm, von denen die anderen, auch der Leser, nichts wissen dürfen. Keine besonders gute Arbeitsatmosphäre. Beim Leser bewirkt es Spekulationen und das Nachdenken über mögliche Ermittlungsstrategien. De Brodt nimmt’s hin, um den Tätern auf die Spur zu kommen, die stets nach dem gleichen Muster verfahren, aber keine Spuren und auch keine Botschaft hinterlassen. Schwer also, ein Motiv für die Taten zu erkennen.

So stehen Ermittlungskommissionen vor einem Rätsel. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen der Anschläge sind verheerend, Börsen geraten ins Schwanken, „Rechtsparteien erhielten Zulauf. Sie wussten längst, wer hinter dem Wahnsinn steckte.“ Und zuhauf Unsicherheiten, die keiner zugeben kann: „Die Sicherheitskräfte machten sich lächerlich. All diese mit Milliarden hochgezüchteten Apparate. Die Phrasen der Innenminister waren so hohl wie ihre Hilflosigkeit groß.“

Es ist ein höchst spannender Krimi, aktuellen Gegebenheiten Rechnung tragend, mit bissigen Kommentaren über „sogenannte Führungskräfte“, die dann doch den Kopf nicht hinhalten, sprich Verantwortung übernehmen wollen. Entlarvend und unterhaltsam, ein Abbild gesellschaftlicher Gegebenheiten. Unglaublich dann auch, wer, was hinter den Anschlägen steckt. Ein aufmerksamer Leser mit gutem Gedächtnis könnte schneller als de Bodt darauf kommen.

Dennoch weist der Krimi Längen auf, die ermüdend wirken, wie die in die Haupthandlung eingefügte Nebenhandlung, mit der Konsequenz weiterer Personen zum bereits großen Personenkonstellation. Das wirkt auf Dauer nicht wirklich spannungssteigernd. Wörtlich wiederholte Sätze und Ermittlungsinhalte, die in den verschiedenen Gremien vorgetragen werden, damit alle auf dem gleichen Wissensstand sind, tragen ebenfalls dazu bei. Entspricht vielleicht der Realität, wirkt hier aber nur mäßig. Als retardierendes Element zur Spannungssteigerung m.E.nicht geeignet.
Dennoch insgesamt: lesenswert.

Christian v. Ditfurth, Giftflut, Thriller, carl’s book, München 2017, 479 S., ISBN 978-3-570-58565-8

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