Kirstin Breitenfellner, Maria malt

Kirstin Breitenfellner, Maria malt

Auf der Grundlage zahlreicher Dokumente – Tagebücher, Briefe, Radio- und Fernsehsendungen, Zeitungsartikeln und Büchern über Maria Lassnig – hat Kirstin Breitenfellner einen lesenswerten, interessanten, sehr ausführlichen und nicht linear erzählten biografischen Roman über diese Künstlerin geschrieben, der aus wechselnden Perspektiven – personale und Ich-Perspektive – ein Verstehen, jedenfalls in Ansätzen, ermöglicht.

Maria Lassnig ist als uneheliches Kind bei ihren Großeltern aufgewachsen und erst zu ihrer – nach Höherem – strebenden Mutter gekommen, als diese durch die Heirat mit einem selbstständigen Bäcker zur „Königin“ geworden ist:

„Die Mutter gehörte jetzt dazu, weil sie den alten Vater geheiratet hat und damit das Bäckerhaus mit seinen Schätzen.“

Der Stiefvater mag Maria, nennt sie liebevoll „Prinzessin“ und gleicht damit ein wenig die tief sitzenden Kränkungen der Mutter aus, die nicht in der Lage ist, ihre Tochter in den Arm zu nehmen und ihr dadurch ein wenig Zärtlichkeit und Geborgenheit zu geben:

„Die Mutter träufelt die Kränkung, die auch ihre eigenen Kränkung ist, denn sie ist ja selbst auch ein Mädchen gewesen und kein Bub, in Riedis Herz, wo das Gift sitzen bleibt.“

Doch unbewusst fördert sie das Talent ihrer Tochter, indem sie ihr Papier zur Verfügung stellt:

„Das Einzige, was die Mutter ihr gibt, ist Papier. Denn die Mutter braucht ihre Ruhe. Wenn Riedi einen Stift in die Hand bekommt, vergisst die die Küche, in der sie sitzt, die Nonnen und ihre Mitschülerinnen, die Mutter und ihre unerfüllbaren Ansprüche. Sie wird eins mit dem Stift, entflieht der rauen, verwirrenden Wirklichkeit und wird doch gleichzeitig eins mit der Welt, die ihr im Zeichen zur Verfügung seht. … Das Papier hat sie gerettet. …
Von wem hast du das?, fragt die Mutter,
Riedi weiß es auch nicht, denn von selbst kann ein dummes Kind eine solche Gabe ja nicht haben.“

Riedi, wie Maria zu Hause genannt wird, gehört nirgends dazu, wird ausgegrenzt, gemobbt, fühlt sich unverstanden. Sie kann sich nur über ihre Zeichnungen ausdrücken. „Nur wenn ich male, bin ich.“ notiert sie in einem ihrer Tagebücher. Ihre Bilder werden ihr Medium, sich selbst zu begreifen, zu spüren, die Welt wahrzunehmen, sich selbst in der Welt zu sehen und sich auszudrücken. Sie weiß, sie will Künstler werden.

„Ich wollte auch gar keine Künstlerin werden, weil ich ein Künstler bin. Weil die Endung -in am Ende von Personenbezeichnungen schon bedeutet, dass man keine Chance hat.“

Die 1919 als uneheliches Kind geborene Maria ist mit allen Vorurteilen konfrontiert, die zu der Zeit gegen uneheliche Kinder, vor allem Mädchen vorherrschend waren, besonders dann, wenn sie auch noch in ärmlichen Verhältnissen, also mit Geldnot und -sorgen aufwachsen. Ziel ihrer Mutter ist es, sie durch eine Heirat – möglichst in bessere Verhältnisse – zu versorgen. Hinzu kommen später die Einflüsse und Einengungen durch die Nationalsozialisten. Maria ist in der Zeit Volksschullehrerin, um ihren Unterhalt zu verdienen.

Dennoch gibt es doch immer wieder Menschen in ihrem Umfeld, die ihr Talent zumindest erahnen und sie ermutigen, ihren Weg zu gehen. Und der ist und bleibt steinig, mühsam und oft qualvoll. Und das nicht nur aufgrund der damals vorherrschenden Vorurteile gegen Künstlerinnen. Sie wehrt sich zeitlebens gegen jede Vereinnahmung z.B. durch eine Heirat, aber auch durch Menschen, die an ihrer Kunst interessiert sind, sie später gar kaufen wollen.

Ihre Bilder sind ihre Kinder, von denen sie sich nicht trennen will. Doch von irgendetwas muss sie leben, ein lebenslanger Konflikt. Und dann wird ihr ihre Umgebung einfach in jeder Hinsicht zu eng, sie geht zunächst nach Paris, lebt später dann in New York und lernt dort andere Einflüsse und Gestaltungsformate und -medien kennen, von denen sie sich inspirieren lässt.

Als Professorin kommt sie zurück. Sie tritt die Stelle an, die erst Joseph Beuys bekommen sollte. Auch dort hebt sie sich in ihrer Art der Lehrtätigkeit von allen anderen ab. Sie lässt die Studenten mit dem Schwierigsten anfangen: Sie sollen einen weißgedeckten Tisch malen, auf dem weiße Eier und ein Blumenkohl liegen.

„Maria ist keine Pädagogin, die die Schlechten motiviert. Sie ist eine gute Lehrerin, aber nur für die Starken, aus denen sie ihre ganze Stärke herausholt.“

Sie gehört zu den stets Zweifelnden, den nie Zufriedenen und das bis zu ihrem Lebensende. Dennoch war und ist sie immer zutiefst überzeugt gewesen von ihrem Talent, ihren Bildern und Zeichnungen:

„Jetzt ist es bald soweit. Ich bin Frau Picasso. Ich bin Manetangelo. Ich bin selbst ein Meister. Ich habe keinen Respekt mehr vor ihnen. … Ich habe so langsam gelebt, deswegen muss ich noch lange leben. Ich habe die Jahre nie gezählt. Ich war nie jung, und jetzt bin ich nicht alt. Ich bin nicht mehr jung, aber ich habe noch genug Kraft.“

Das ist ihr Fazit, das sie im hohen Alter zieht. Maria Lassnig ist 95 Jahre alt geworden.

Der Roman ist unglaublich vielschichtig und vielfältig in seinen Themen. Er zeigt die Entwicklung dieser Künstlerin, die mit ihrer Mutter in einer lebenslangen Hassliebe verbunden ist – als weiße Frau besucht ihre Mutter sie sogar in ihren Träumen – bewusst nicht geheiratet hat, trotz vieler Gelegenheiten, um nicht als Mutter und „Frau von“ vereinnahmt zu werden und als Künstlerin unterzugehen, wie viele Frauen vor ihr.

Zwischendurch haben mich dann einige Längen und Wiederholungen, die durch das nicht lineare Erzählen verursacht werden, ein wenig gelangweilt. Aber das ist Meins. Ich mag’s lieber kurz, vor allem ohne Wiederholungen.

Für mich ist es insgesamt ein lesenswerter Roman, der mich immer wieder dazu animiert hat, mich mit meiner eigenen weiblichen Biografie zu beschäftigen. Bis in Formulierungen hinein, habe ich an vielen Stellen, meine eigene Kindheit „aufploppen“ gesehen, bin mit Erinnerungen und den damit verbundenen Gefühlen konfrontiert worden. Auch deshalb hat die Lektüre länger als gewöhnlich gedauert, zumal ich einige Tage in Berlin war und dort die Ausstellung „Maria Lassnig“

besucht habe und mir zwischendurch immer mal wieder im Internet die Bilder angesehen habe, von denen im Roman die Rede ist. Für mich hat‘ s sich gelohnt.

Kirstin Breitenfeller, Maria malt, Roman, Picus Verlag, Wien 2022, 451 S., ISBN 978-3-7117-2130-3

6 Gedanken zu „Kirstin Breitenfellner, Maria malt

  1. Deine Zusammenfassung liest sich höchstinteressant, danke dafür!!
    Mir fällt ins Auge, dass sich Maria Lassnig nie vereinnahmen lassen wollte, nicht einmal von potentiellen Käufer*innen. Ein Freigeist … Und wohl auch ein Mensch mit vielen Verletzungen.
    Dass sie erkennt, ein Künstler sein zu müssen, da sie – aus eigener Einschätzung – als Künstlerin keine Beachtung erlangen könnte, ist auch aufschlussreich für die Zeit, in der sie gearbeitet hat – besonders in jüngeren Jahren.
    Auch die Sprache, in der dieser Roman verfasst ist, gefällt mir.
    Und schon steht dieses Buch auf meiner Interessensliste!
    Lieben Gruß in den Feiertagsabend!

  2. Sicher ein starkes Stück biografischer Aufarbeitung und Annäherung an diese eigenwillige Künstlerin.
    Dankeschön für die feine Besprechung.
    Lieben Gruss,
    Brigitte

  3. ganz herzlichen dank für deine ausführliche rezension, ich werde es mir zulegen. zur zeit lese ich sehr gern gut geschriebene „romanbiografien“ (oder wie soll ichs nennen) über künstlerinnen und künstler. lieber noch über künstlerinnen, gerade über Eva Hesse. nun kanns weitergehen…
    lieber gruß
    Sylvia

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