Abbas Khider, Der Erinnerungsfälscher

Abbas Khider, Der Erinnerungsfälscher

„Der Erinnerungsfälscher“ erzählt in mosaikhaften Episoden von Said Al-Wahid, der auf dem Rückweg von einer Lesung die Nachricht erhält, seine Mutter sei sehr krank, er möge doch bitte in den Irak kommen, von seiner langen Flucht, dem Ankommen in Deutschland bis hin zur deutschen Staatsbürgerschaft und seinen Bemühungen, Schriftsteller zu werden.

Dabei muss er sich immer wieder mit seinen Erinnerungen oder dem, was er für seine Erinnerungen hält, auseinandersetzen. Und er bemerkt, dass es ihm „gleichgültig geworden ist, wie die Geschichten aus seinem Gedächtnis auferstehen. Das Wichtigste ist: Sie sind da, egal in welcher Form, als verwandelte Erinnerungen verhexte oder verstellte. Es sind seine Erinnerungen, mit neuen Physiognomien und neuem Haarschnitt.“ Seine Texte versteht er als „verfälschte Storys seines Lebens. … Sie sind Versuche, eine einzige wahre Geschichte zu schreiben, nämlich seine, die niemals wahr sein kann.“

In seine Erinnerungen mischen sich zudem seine Träume, in denen er die Geschichten weiterentwickelt: „Im Schlaf erlebt Said sein in ihm versunkenes Leben erneut.“ Und das versunkene Leben war oft kein erträgliches, ständig bedroht von Verhaftungen, Folter, Bombenattentaten und dem Verlust ihm nahestehender Menschen. „Orte im Gedächtnis sind wie Minenfelder, sie können einen in Stücke reißen. Ein Leben kann schön und erträglich sein – wenn man diese Orte meidet.“

Statt zu seiner Frau Monica und seinem Sohn Ilias nach Berlin zurückzukehren, fährt er zum Flughafen – seinen Reisepass hat er aus guten Gründen immer dabei – um nach Bagdad zu fliegen, in der Hoffnung, seine Mutter nach langen Jahren noch einmal lebend sehen und sprechen zu können. Und diese Reise weckt stets aufs Neue schmerzliche Erinnerungen an seine lange, mühselige Flucht aus dem Irak und an seine Kindheit dort.

Bei all dem, was Said erlebt hat, verfällt der Erzähler nie ins Dramatisieren, ins Jammern. Ruhig, poetisch, humorvoll, oft auch mit einer ironischen Distanz erzählt er bildhaft, aber nie ausschweifend, was Said erlebt hat und man hört ihm gern zu bzw. liest gern, denn es geht ums Essenzielle: „Er hasst Fotos, hat noch nie welche gesammelt. Fotos aufzubewahren, ist, wie Wunden sammeln.“ In welche Abgründe lässt ein solcher Satz blicken.

Abbas Khider, Der Erinnerungsfälscher, Roman, München 2022, 126 S., ISBN 978-3-446-27274-3

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