Johannes Anyuru, Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken

Johannes Anyuru, Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken

Johannes Anyuru wurde in Schweden für diesen Roman, der monatelang auf der schwedischen Bestsellerliste gestanden hat, und u.a. mit dem Per-Olov-Enquist-Preis ausgezeichnet. Die Filmrechte sind bereits verkauft. Es ist ein höchst komplexer, manchmal auch nicht ganz einfach zu verstehender Roman, in dem es zwei verschiedene Ich-Erzähler gibt, die nicht immer sofort auseinanderzuhalten sind.

Da ist auf der einen Seite eine junge Frau, deren wirkliche Identität bis zum Schluss des Romans nicht wirklich klar ist, die mit ihrem Mann Amin und dessen Verbündeten Hamad einen Anschlag auf einen Comicshop verüben wollen:

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Sie soll die Aktion filmen und zeitgleich im Internet veröffentlichen. Alle sind mit Sprengstoffgürteln und Waffen ausgestattet und mischen sich unter die Besucher. Sie wollen warten, „bis möglichst viele Menschen beisammen sind.“ Doch schon bevor die Aktion startet hat sie für sich den Eindruck:

“ ‚Alles ist verkehrt. Amin, alles ist verkehrt. Wir sollten von hier weg. Wir sollten abhauen.‘ „

Sie kann ein Massaker nur zum Teil verhindern, wird verhaftet und landet in der Psychiatrie. Dort besucht sie zwei Jahre später der zweite Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, mit dem sie reden will, den sie bittet, ihre Aufzeichnungen zu lesen.

„Ich schreibe dir, der du nicht glauben wirst, dass die Dinge, die ich erzähle in Schweden geschehen können. Du wirst glauben, dass ich lüge, weil du immer noch glaubst, dass du Schwede bist.“

Über ihre Texte, die Recherchen des Schriftstellers u.a. über Folterungen aus al-Mima, Besuchen bei den Eltern der Attentäter entsteht das Bild einer heimatlosen jungen Frau, die keinen Halt in ihrer Familie, der Schule und ihrem sozialen Umfeld erfährt, die bitterste Erfahrungen gemacht hat. Es ist aber nicht immer klar, ob sie tatsächlich diese Erfahrungen gemacht hat oder ob sie Ausdruck ihrer (Verfolgungs-) Ängste, ihrer Schizophrenie oder gar Langzeitfolgen von an ihr verübten Folterungen sind oder gar Visionen einer Zukunft, in die Schweden abdriftet. Denn sie glaubt, aus der Zukunft zu kommen, etwas, was sich zunächst als wirklich irre, krank anhört, dann aber im Verlauf der Handlung eine mögliche Erklärung erfährt.

„Viele, mit denen ich meine Kindheit verbracht hatte, waren seit langem fort. Waren in den Knast gewandert, oder der Stoff hatte sie auf dem Gewissen. Ein Freund wurde erschossen, als wir siebzehn waren, was für mich zu einem Wendepunkt wurde. Manche gingen fort. Wurden wie Vögel. Warum dieses Bild. Einfach eine fürchterliche Freiheit darin, niemals ersehnt gewesen zu sein.“

Sie sind nirgends gewollt, meist in Familien mit traumatisierten Eltern aufgewachsen, in einem Schweden, dass politisch zunehmend von nationalistischen, rassistischen Tendenzen geprägt ist, in dem kaum noch darüber gestritten und debattiert wird, wer Schwede ist und wer nicht. Denn Bürgerwehren und Wächterfirmen bestimmten immer häufiger darüber, wer Schwedenfeind ist und wer nicht – und das mit Gewalt, Überwachung, Bespitzelung, Ghettoisierung. Von demokratischen Verhältnissen kann da nicht mehr die Rede sein – jedenfalls aus der Sicht der sogenannten „Schwedenfeinde“.

Eine Tendenz, die auch dem Schriftsteller und seiner Frau zunehmend nicht verborgen bleibt. Sie bereiten zunächst die Auswanderung mit ihrer kleinen Tochter nach Kanada vor. Doch nach vielen Überlegungen entschließen sie sich zu bleiben, „weil wir es dem Mädchen in der Klinik schuldig waren, Hoffnung zu haben. Weil wegen ihr alles anders war. Wir bleiben bei den Kiesplätzen und dem Nieselregen, bei den Hochspannungsleitungen und den Kondensstreifen, bei unseren Lebenden und Toten.“

Ein Roman, der trotz aller Skepsis, Bedenken mit dem „Prinzip Hoffung“ endet. So lautet der letzte Satz:

„Licht vor uns.“

Johannes Anyuru, Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken, Roman, a.d. Schwedischen v. Paul Berf, Luchterhand Verlag, 333 S., ISBN 978-3-630-87569-9


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