Susanne Kerckhoff, Die verlorenen Stürme

Susanne Kerckhoff, Die verlorenen Stürme

Nach den im letzten Jahr erschienenen „Berliner Briefen“ ist nun im Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ der Roman „Verlorene Stürme“ von Susanne Kerckhoff erschienen, versehen mit einem Nachwort von Peter Graf.

Marete Kartens ist eine mutterlos aufwachsende Gymnasiastin, die bei ihrem Vater, einem Schriftsteller, in gutbürgerlichen Verhältnissen lebt. Sie kennt seine Werke in- und auswendig, da sie es ist, die für ihn die Stücke auf der Maschine abschreibt. Auf der einen Seite ist sie ihm ganz nah:

„Die Liebe zum Alleinsein, zum Stillen und zum Leisen, die kühlheiße Verlorenheit an die Kunst, das Lächeln und der Schmerz über Vergänglichkeiten – fühlte sie nicht alles mit ihm, viel mehr, als er selbst es ahnte? Aber es gab auch noch etwas anderes in ihr.“

Das Andere ist Maretes Interesse an Politik und den für sie als ungerecht empfundenen Lebensverhältnisse der verschiedenen Schichten. Sie ist heimliches Mitglied der „Brücke“, einer freien sozialistischen Arbeitsgemeinschaft, die sich für die gleichen Rechte und Lebensmöglichkeiten aller Menschen einsetzt und plant, eine Wochenzeitschrift herauszugeben, für die Marete sogar ihre Uhr versetzt. Sie will etwas bewegen und nicht einfach ihr bürgerliches Leben, mit Dienstmädchen und allen anderen Annehmlichkeiten genießen.

Davon allerdings darf ihr Vater nicht wissen, der sich wenig bis gar nicht mit Politik beschäftigt:


„Ob Sozi oder Kozi, ob Nazis und Fazis, das sind für mich – nein! Es sind eaben Sozis und Kozis, Nazis und Fazis, und damit ist’s gesagt!

Marete glaubt an die Überzeugungskraft von Argumenten, tritt dafür ein, widerspricht wo immer sie dazu Gelegenheit hat, weigert sich in der Schule, Kriegslieder zu singen und möchte sogar die für sie widersinnigen politischen Ansichten des Dienstmädchens ändern:
„Thekla hätte in ein anderes Lager gehört, nicht in das der Säbelraßler und Judenfeinde. …
Aber oft genug hatte sie zu Marete gesagt:
‚Ich verstehe gar nicht, was Sie die Arbeiter angehen! Sie haben’s ja wirklich nicht nötig! Ist ja auch alles bloß Spielerei!‘ „

Marete ist es mit dieser „Spielerei“ ernst. Immer deutlicher erkennt und erlebt sie, wie die Faschisten Auftrieb bekommen, zunehmend lauter und brutaler in ihren Aktionen werden und öffentlich immer sichtbarer. Die bisher sehr liberale, demokratisch ausgerichtete Atmosphäre an der Schule ändert sich stetig. Lilly, ihre beste Freundin, wandert mit ihren Eltern aus, eher liberale Lehrer werden gemaßregelt, andere verkünden immer offener braunes Gedankengut mit entsprechend gefärbtem Vokabular:

“ ‚Als ich heute ihr klares, deutsches Gesicht sah, da dachte ich, was es doch für ein Jammer um Sie ist! Da nahm ich mir vor, Sie zu warnen und Ihnen den rechten Weg wenigstens zu weisen.‘ …
‚Wovor warnen?‘
Vor dem Leid … vor dem große Leid, das sie treffen wird, wenn Sie zu den Verurteilten halten, zu den Vampiren am deutschen Volk, zu denen, deren Stunde bald schlagen wird. Dann kommt Schweres für Blinde, wie Sie, Kartens – glauben Sie mir das!‘ „

Dass er recht behält ist historisch belegt und zeigt sich im weiteren Verlauf der Handlung, die sich chronologisch an den politischen Ereignissen orientiert, aufgezeigt am (Schul-) Alltag Maretes und den Aktivitäten der Brückemitglieder.

Der Roman ist literarisch sicher keine Offenbarung. Dennoch ist die Perspektive der Ich-Erzählerin als einer intellektuell aufgeweckten Heranwachsenden in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts interessant. Marete muss auf den unterschiedlichen Ebenen ihren Weg finden, steht den Erwachsenen ihrer Umgebung sehr kritisch gegenüber und nabelt sich als Tochter zunehmend von ihrem Vater ab, steht dennoch unter seiner väterlichen Autorität, von der er z.T. auch massiven Gebrauch macht. Sie ist zudem Schulfreundin, Mitglied in der Brücke, also im Widerstand, und auch verliebte junge Frau.

Peter Graf weist in seinem interessanten Nachwort auf die autobiografischen Anklänge dieses Romans hin, die er unter anderem mit Dokumenten der Schule untermauern kann, auf die Susanne Kerckhoff gegangen ist.

Susanne Kerckhoff, Die verlorenen Stürme, Roman, Hrsg. u. mit einem Nachwort versehen v. Peter Graf, Verlag das kulturelle Gedächtnis GmbH, Berlin 2021, 231 S. ISBN 978-3-946990-45-1

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