Haruki Murakami, ERSTE PERSON SINGULAR

Haruki Murakami, ERSTE PERSON SINGULAR

„ERSTE PERSON SINGULAR“ ist der gerade erschienene Band mit neun Erzählungen Murakamis, übersetzt von Ursula Gräfe. Gemeinsam haben die Erzählungen, dass es in allen um mehr oder weniger lange zurückliegende Ereignisse und Begegnungen des jeweiligen Ich-Erzählers geht, die alle – wie Autor Haruki Murakami auch – bereits in die Jahre gekommen sind, einem Lebensabschnitt, in dem das Erinnern einen offensichtlich größeren Raum einnimmt.

„Das Seltsame am Älterwerden ist für mich nicht, dass ich selbst alt geworden bin und mich unvermittelt von einen jungen in einen alten Mann verwandelt habe. Viel eher überrascht mich, dass Menschen aus meiner Generation plötzlich alte Leute sind … vor allem, dass die schönen, vor Leben sprühenden Mädchen, die ich kannte, auf einmal so bejahrt sind, dass sie zwei oder drei Enkelkinder haben. … Mein eigenes Alter hingegen betrübt mich kaum.“

Es sind meist – zunächst alltägliche – Erlebnisse bzw. Begegnungen mit Menschen, vorwiegend mit schönen Frauen und einer ausnehmend hässlichen, deren Ausstrahlung allerdings umwerfend ist. In der Erinnerung bekommen sie eine besondere Bedeutung, eine nachträgliche Würdigung, da der Erzähler oft erst im Nachhinein die Nachhaltigkeit der Kontakte erlebt. Etwa als er noch in der Schule einem Mädchen auf dem Schulflur begegnet, das mit einer an die Brust gedrückten Schallplatte „With the Beatles“, mit wehendem Rock an ihm vorbeisaust. Die Begegnung bewirkt bei ihm Herzrasen und das Schrillen einer Glocke im Ohr, „als wollte jemand mir dringend etwas sehr Wichtiges mitteilen. All das dauerte nicht länger als zehn oder fünfzehn Sekunden und war unversehens vorbei.“ In allen späteren Beziehungen zu Frauen sucht er diesen Nachhall.

Musik ist oft ein wesentliches, verbindendes Element dieser Beziehungen, die mehr oder weniger langlebig, aber nicht von Dauer sind, wohl aber die in diesen Begegnungen zum Tragen kommende Musik, etwa die Bruckners in dem Zusammentreffen in einer eher runtergekommenen Pension mit einem sprechenden Affen, der den Gast, also den Ich-Erzähler dieser Geschichte, nach seinen Wünschen fragt. Sie verbringen den Abend gemeinsam und der Affe erzählt von seinem ungewöhnlichen Leben.

Er ist ein Wesen, das nirgendwo zu Hause ist und sich geliebt fühlt: Die Menschen können ihn nicht als ihresgleichen sehen, die anderen Affen aber auch nicht „obwohl sie mein eigenes Volk waren! Wir hatten nichts gemeinsam und konnten uns nicht verständigen. Ich wurde gehänselt und schikaniert.“

Wie erfährt so jemand Liebe, Zuneigung? Der “ Brennstoff, der uns am Leben hält. Vielleicht endet die Liebe eines Tages. Oder sie trägt Früchte. Aber selbst wenn die Liebe verblasst, selbst wenn sie verschwindet, bleibt uns die Erinnerung, jemanden geliebt zu haben. Und diese Erinnerung wird uns zu einer kostbaren Quelle der Wärme. Ohne diese Wärme würden die Herzen der Menschen – und auch die der Affen – sich in eine kalte und unfruchtbare Ödnis verwandeln, auf die kein Sonnenstrahl fällt.“ Der Affe findet seinen Weg zur vollkommenen Liebe, der gleichzeitig aber auch der der vollkommenen Einsamkeit ist, ein Weg, der beide Seiten verbindet. Sicher nicht nur ein Affenproblem – gerade in diesen Zeiten?

Alle Geschichten kommen zunächst sehr „normal“ daher, eher seicht, auch sprachlich nicht unbedingt herausragend, allerdings das erste Mal mit einigen Gedichten, die Teil einiger Erzählungen sind. Und dann werden dennoch alle zu typischen Murakami-Erzählungen, die etwas traumhaft Realistisches oder eher Unrealistisches bekommen. Und man erfährt, dass die Grenzen da einfach verschwimmen, auf jeden Fall nicht klar zu ziehen sind, so wie das ja auch beim Erinnern passieren kann.

Die Erzählungen sind leichte, vergnügliche Unterhaltung, vor allem für Musikliebhaber der Popmusik der Siebziger des letzten Jahrhunderts, auf die Haruki Murakami in einigen Erzählungen sehr detailliert eingeht.

Haruki Murakami, ERSTE PERSON SINGULAR, Erzählungen, a.d. Japanischen von Ursula Gräfe, DUMONT Verlag, Köln 2021, 217 S., ISBN 978-3-8321-8157-4

2 Gedanken zu „Haruki Murakami, ERSTE PERSON SINGULAR

  1. kommt auf meine vormerkliste für die bücherei. seinen letzten roman hab ich versäumt, ich war ein wenig eingeschüchtert ob des umfangs. aber dies klingt gut!
    lieber gruß
    Sylvia

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