Malachy Tallack, Das Tal in der Mitte der Welt

Malachy Tallack, Das Tal in der Mitte der Welt

„Das Tal in der Mitte der Welt“ ist der Debütroman Malachy Tellacks – Schriftsteller, Singer-Songwriter und Journalist – und erzählt von einem kleinen, nur spärlich besiedelten Tal auf einer der Shetlandinseln. Die Anzahl der Tiere, vornehmlich Schafe, überwiegt die der Menschen bei weitem.

David ist dort geboren und hat sein ganzes Leben da verbracht, später mit seiner Frau Mary und den mittlerweile erwachsenen Töchtern Kate und Emma. Kate lebt mit ihrer Familie in der Stadt. Emma war mit ihrem Freund Sandy zurückgekehrt, um mit ihm – ganz in der Nähe des elterlichen Hauses – zu leben.

„Wir sind wie mit einem Gummiband mit den Inseln da verbunden. … Man muss entscheiden, wie man damit umgeht. Entweder gehst du weg und dehnst dieses Gummiband, bis es langsam schlaff wird und du freier atmen kannst, oder du gibst einfach nach. Lässt dich wieder herziehen. Lässt dich nach Hause holen.“

Doch sie ist gerade wieder ausgezogen. Sandy bleibt, denn das Haus, in dem er mit Emma gewohnt hat, ist sein Zuhause geworden, für ihn, der sich vorher nirgends zu Hause gefühlt hat.
„Es ist nicht ideal, dass ich dieses Land hier ganz allein übernommen habe, da ich noch so viel lernen und tun muss. Aber es ist ok. Ich wär immer auf mich allein gestellt, egal, was ich tue. Hier ist ein guter Ort allein zu sein.“ Nun muss er schauen, wie sich das Verhältnis zu Emmas Eltern gestaltet. Doch David verliert nicht viel Worte, sie arbeiten gemeinsam, Sandy ist ein geduldiger und gelehriger „Schüler“ und gut ist.

Dann lebt dort noch Maggie, eine fast neunzigjährige kinderlose Witwe, „ein Teil des Ortes … nicht weniger als die Felder, der Bach und die Straße selbst“. Sie wird tot am Strand aufgefunden. Mary, die sich um Maggie kümmert, hat sich Sorgen gemacht, weil sie Maggie im Haus nicht vorgefunden hat. Sie schickt ihren Mann David und den eher unzuverlässigen, seit einiger Zeit im Tal wohnende, alkoholabhängigen Terry los, Maggie zu suchen.

Später zieht Sandy in Maggies Haus ein, nachdem er und David es entrümpelt und renoviert haben. Tagebuchaufzeichnungen und Briefe Maggies gibt er Alice, einer Schriftstellerin, die nach dem Tod ihres Mannes dorthin gezogen ist und an einem Buch über das Tal schreibt. Sie will das Buch abrunden, indem sie über die Bewohnerin Maggie schreibt, um dem Buch eine „menschliche Note“ zu geben. Doch all ihre Recherchen enttäuschen sie. Denn Maggie entzieht sich, ist für Alice nicht greifbar, nicht fühlbar, nicht sichtbar, jedenfalls nicht so wie sie sich es erhofft hatte. Auch die Gespräche mit David und Mary, die Maggie gut kannten, bringen sie nicht weiter. Immer wieder hört sie:
“ ‚Sie war einfach … Maggie.‘ …
‚Aber Maggie muss doch jemand gewesen sein.‘
‚Ja, sie war jemand.‘ “

Eben einfach Maggie. Eine Tatsache, die für ihr Buch nicht ergiebig genug zu sein scheint. Und doch ist Maggie stets anwesend, wie auch die anderen Personen, die von dort kommen, aber nicht mehr dort leben. Denn sie sind Teil des Lebens der dortigen Bewohner.

In Sandys Haus ziehen Städter ein: Jo und Ryan, die ihr Haus in der Stadt teuer vermietet haben und hier von der geringen Miete, die David von ihnen verlangt, profitieren und mit ihrem guten Geschäft auch noch prahlend hausieren gehen, was bei David überhaupt nicht gut ankommt. Ihr Leben dort wird zu einem kurzen Intermezzo.

Das Buch erzählt, sehr unaufgeregt, leise und unspektakulär zum einen von den alltäglichen Beschäftigungen und Aufgaben der dort Lebenden, den „dörflichen“ Umgang, den sie miteinander pflegen, die Verpflichtungen, die sich daraus ergeben, aber für den ein oder anderen auch ein Gefühl von Geborgenheit und gegenseitiger Fürsorge entstehen lassen, die sie aus verschiedenen Gründen bisher in ihrem Leben eher vermisst haben, wie Sandy, dessen Mutter ihn und seinen Vater mit sieben Jahren verlassen hat, von jetzt auf gleich, so wie auch Emma von einem Tag auf den anderen gegangen ist. Und die dann nach Jahrzehnten – ohne Vorankündigung – an Sandys Tür klopft und dort wohnen will, um sich neu zu orientieren. Oder Alice, die nach dem Tod ihres Mannes lernen muss, sich mit ihrer Einsamkeit und Trauer und der daraus resultierenden Schreibblockade zu arrangieren, und Mary, die mit zunehmendem Alter unter einer Art verspätetem „Empty-Nest-Sydrom“ leidet und sich neue sinnhafte Betätigungsfelder sucht.

Sie alle haben ihre individuellen Schicksale zu bewältigen, machen dies in der Regel auch allein aus, und dennoch prägen das Tal, die eher raue Natur dieser Shetland-Insel und die dort lebenden Bewohner ihr Leben und lassen sie nach eigenen Antworten auf existenzielle Fragen suchen.
Mit der äußeren, scheinbaren Erlebnislosigkeit lenkt Tallack den Fokus auf die darunter liegenden menschlichen Schicksale und die damit verbundenen Lebensfragen, die ebenfalls nicht spektakulär, doch durchaus existenziell sind.

Malachy Tallack, Das Tal in der Mitte der Welt, Roman, a.d. Engl. v. Klaus Berr, Luchterhand Verlag 2021, 381 S., ISBN 978-3-630-87611-5

6 Gedanken zu „Malachy Tallack, Das Tal in der Mitte der Welt

  1. Einen Büchervorrat zu haben, ist für mich beruhigend.
    Im Moment „kämpfe“ ich aber mit Büchermassen, von denen ich mich trennen möchte. Sichten und schauen, um noch gute Plätze für sie zu finden. Und das ist für mich definitiv nicht die Papiertonne. In solchen Zeiten, finde ich Bücher eher „schwerwiegend“ ;)

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