Zsuzsa Bánk, Schlafen werden wir später

Ihren Roman „Die hellen Tage“ und den Erzählband „Heißester Sommer“ habe ich mit Begeisterung gelesen und rezensiert. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an den neuen Roman, mit ansprechend gestaltetem rotgrundigem Cover, einem roten Lesebändchen – bei 683 eine sinnvolle Einrichtung – und dem Hinweis: „Zsuzsa Bánks neuer Roman ist eine Feier der Freundschaft und des Lebens“. Auch die ersten Sätze waren verheißungsvoll. Und dann sind da leider einige „Aber“, die mir die Lektüre insgesamt dann erschwert haben.

Doch zunächst: Worum geht es überhaupt in dem Brief-Roman zwischen der Schriftstellerin Martá und ihrer Freundin Johanna, die Studienrätin für Deutsch und Kunst ist und nebenher über Annette von Droste-Hülshoff promoviert? Die beiden sind seit Kindheitstagen befreundet. Martá lebt mit ihrem Mann Simon und ihren drei kleinen Kindern in Frankfurt, ständig geplagt von Zeit- und Geldnot, da beide keine feste Anstellung haben, sondern frei schaffende Künstler sind, die sich meist irgendwie über Wasser halten, also von der Hand in den Mund leben. Und um diesen ihren zermürbenden Alltag mit seinen vielen Tiefs und einigen Hochs geht bei ihr, natürlich auch um ihr Schreiben und den damit verbundenen, oft krisenhaften Prozessen, bis dann endlich der fertige Roman erscheint und es für Márta auf Lesereisen geht.

Johanna dagegen wohnt nach der längst noch nicht verarbeiteten Trennung von ihrem Mann Markus allein in ihrem Schwarzwaldhäuschen und unterrichtet nach ihrer Krebserkrankung wieder als Studienrätin. Ihr Alltag in der Schule mit Grammatikunterricht – der Leser hat mehrfach die Möglichkeit mit Johanna Verben zu konjugieren, Satzteile zu bestimmen – Klausurkorrekturen, Schwierigkeiten mit Schülern, ihre latente Angst vor einem erneuten Ausbruch der Krankheit, die Trauer um Markus, der mit ihren Freunden noch Kontakt hat, die Arbeit in diversen Archiven für ihre Promotion und ihre Mithilfe im Blumenladen einer Freundin bestimmen die Inhalte ihrer Mails.

Beide verbindet ihre tiefe Freundschaft, ihre Liebe zu Worten, zur Sprache, zur Literatur als Möglichkeit, sich zum Ausdruck zu bringen, ihre Orientierungslosigkeit in der Mitte des Lebens, nicht genau zu wissen, wie es weiter gehen soll, ihr müder, vielfach durch Unzufriedenheit, Unglücklichsein, Verzweiflung gekennzeichneter kräftezehrender, zermürbender Alltag, in dem sie nicht genug Zeit und Raum für sich selbst finden, ja nicht einmal ausreichend Schlaf. Der Buchtitel „Schlafen werden wir später“ zieht sich als ein Leitmotiv durch den gesamten Roman, oft begleitet durch den Hinweis: Futur eins!

Sie reden über alles und jedes, in Endlosschleifen, immerwährenden Wiederholungen, die sowohl den Inhalt ihrer Mails betreffen, als auch die sprachliche Gestaltung, sicher Ausdruck der tatsächlichen Routine, die ein normaler Alltag so mit sich bringt. Doch auf Dauer wird es einfach auch für den Leser ermüdend, so als würde er gezwungen (Konjunktiv zwei;)), den Alltag der beiden mitzuerleben. Doch wenn man als Leser schon fast drauf wartet, wann die nächste Dreierkombination von was und wie auch immer kommt, dann hat sich für mich diese – zunächst interessante Darstellung – dann irgendwann überholt:

„Und da musste ich weinen Johanna, in diesem trostlosen, bekloppten Frühstückssaal dieses trostlosen, bekloppten Zwei-Sterne-Hinterhofhotels mit diesem trostlosen, bekloppten Buffet aus Dosen-Ananas und Graubrot, zwischen den trostlosen bekloppten Touristenspießern mit Regenjacken und Reiseführern musste ich plötzlich weinen, liebste Jo, weil ich nach all dieser Zeit wieder einen Satz in meinem Kopf hatte, auf den eine Welt folgen könnte. Hörst du? eine Welt.
Márta“

Wobei dem Leser dann kurz vorher erklärt worden ist, was es mit dem Satz auf sich hat: „Ein Satz aus Subjekt, Prädikat, Objekt und adverbialer Bestimmung, aus allem, was ich für einen Satz brauche.“

Selbst die Briefenden weisen bei beiden sehr oft eine Dreierkombination auf: „Es liebt Dich, liebt Dich, liebt Dich, Johanna“
Der Wunsch nach Zusammensein wird so formuliert:
„Wir könnten reden, reden, reden. Dreimal nacheinander. Und müssten nicht immer nur schreiben, schreiben, schreiben. Deine Jo.“
Die Sprache der beiden ist derart ähnlich, dass oftmals erst am Inhalt erkennbar ist, wer jetzt gerade schreibt. Zwischendurch habe ich mich gefragt, wie kann man bei einem solch zermürbenden Alltag noch so ausführlichen Mailverkehr pflegen, denn Telefonate führen die beiden auch noch.

Ein Innehalten in ihrem vielfältigen Klagen über ihren Alltag wird bei beiden durch den tödlichen Unfall eines gemeinsamen Freundes und die Krankheit der betagten Lori erreicht, die Márta in ihrem sicher nicht einfachen Alltag bis dahin tatkräftig unterstützt hat. Beide „Einschläge“ ermölichen bzw. erzwingen die Besinnung aufs Wesentliche. Damit einher geht eine gewisse Beruhigung im Alltag, ein Aufhören mit den Klagen, dem Jammern. Wohltuend.

Diese Rezension wird der Vielfältigkeit der im Roman angesprochen Themen sicher nicht wirklich gerecht. Langweilig fand ich auch nicht den (fehlenden) Inhalt, also eine äußere, linear erzählte Handlung, die sich im Verlauf eines Romans normalerweise entwickelt, sondern die gefühlt endlosen Wiederholungen. Ich habe mich irgendwann auch nicht mehr damit trösten können, dass Form und Inhalt kongruent sind.

Wie mögliche Rezensionen ausfallen könnten, wird im Roman in einer Mail thematisiert, in der sich Johanna über einen Kritiker von Mártas gerade erschienenem Erzählband aufregt:

„Angeblich geschieht nichts. Ja, muss den immer etwas geschehen? Immer schreibst Du ihm zu viel >ein bisschen<. Auch zu viel >vielleicht<. Na ja, und dann noch mildere Gemeinheiten wie: Nur für Langstreckenleser geeignet. Aber du bist doch eine Langstreckendichterin!" Langstreckenleser! Das triffst dann aber doch! Einen langen Atem braucht man schon für die mit zahlreichen Zitaten gespickte Lektüre, die mich dann doch immer wieder durch den Wortschöpfungsreichtum Zsuzsa Bánks fasziniert hat, trotz einiger "Aber". Zsuzsa Bánk, Schlafen werden wir später, Roman, Fischer Verlag Frankfurt 2017, 683 S., ISBN 978-3-10-005224-7

Datum: 12. April 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. Sonja | Mittwoch, 12. April 2017 9:48
    1

    Vielen Dank, deine ausführliche Besprechung erleichtert mir die Entscheidung – nämlich erstmal zu warten, ob das Buch irgendwie zu mir kommt, ob es irgendwann günstiger zu haben ist, ob ich irgendwann den Wunsch verliere, es lesen zu wollen (was nun schon beinahe geschehen ist).
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Mittwoch, 12. April 2017 10:01
    2

    Ja, ich hab‘ mich zwischendurch äußerst schwer getan.
    für mich in vielerlei Hinsicht zu zäh, wiederholend – dabei waren die vielen angesprochenen Themen interessant.
    Vielleicht hätte eine Kürzung dem Roman gut getan.

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