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Kategorie: Gedichte

An eine Lilie

An eine Lilie

Eine Lilie nickt von meinem Tisch,beugt die blätterschweren hohen Stengelüber mein Papier -.Geh‘ mit deinen vorgestreckten Zungen!Nein, doch! Bleib‘ nur, frecher Bengel –Du wirst wissen, wen ich angesungen:bist ja selbst von ihr.  (Erich Mühsam)

Der Einsame

Der Einsame

Wer einsam ist, der hat es gut,Weil keiner da, der ihm was tut.Ihn stört in seinem LustrevierKein Tier, kein Mensch und kein Klavier,Und niemand gibt ihm weise Lehren,Die gut gemeint und bös zu hören. Der Welt entronnen, geht er stillIn Filzpantoffeln, wann er will.Sogar im Schlafrock wandelt erBequem den ganzen Tag umher.Er kennt kein weibliches Verbot, Drum raucht und dampft er wie ein Schlot.Geschützt vor fremden Späherblicken,Kann er sich selbst die Hose flicken.Liebt er Musik, so darf er flöten,Um angenehm die Zeit…

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Abend

Abend

Einsam hinterm letzten Haus geht die rote Sonne schlafen, und in ernste Schlußoktaven klingt des Tages Jubel aus. Lose Lichter haschen spät noch sich auf den Dächerkanten, wenn die Nacht schon Diamanten in die blauen Fernen sät. (Rainer Maria Rilke)

Des Wunders lächelnd

Des Wunders lächelnd

Des Wunders lächelnd staunend, das geschah,Stand ich am Morgen leise fröstelnd, sahDie Heide blitzend, funkelnd, übersät;Als die Dezembersonne mild und spätHinter den Kiefern aufstieg … Silberblinken,Glitzern und Blitzen aller Nähe, WeiteIm Winterlicht … Und bronzen ein GeläuteVom Dorf her: – Morgenglocken; – und ein WinkenDes Horizontes blauzart; fernklar, fein:Wie hingehaucht. Und eine Stille dannFing durch das Strahlende zu wandern an,Und fand auf weißen Wegen sich allein. … O, ganz allein. (Karl Röttger)

Chor der Toten

Chor der Toten

Wir Toten, wir Toten sind grössere HeereAls ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,Und was wir vollendet und was wir begonnen,Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen,Und all unser Lieben und Hassen und Hadern,Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern,Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden,Und unsere Töne, Gebilde, GedichteErkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte,Wir suchen noch immer…

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Mondnacht

Mondnacht

Weg in den Garten, tief wie ein langes Getränke,leise im weichen Gezweig ein entgehender Schwung.Oh und der Mond, der Mond, fast blühen die Bänkevon seiner zögernden Näherung. Stille, wie drängt sie. Bist du jetzt oben erwacht?Sternig und fühlend steht dir das Fenster entgegen.Hände der Winde verlegenan dein nahes Gesicht die entlegenste Nacht. (Rainer Maria Rilke)

Die Lebenden und die Toten

Die Lebenden und die Toten

„Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.“  (Slawisches Sprichwort) Ähnliches spricht Hilde Domin in ihrem Gedicht „Unterricht“ an.Dort heißt es in der ersten Strophe: Jeder der gehtbelehrt uns ein wenigüber uns selber.Kostbarster Unterrichtan den Sterbebetten. Wohl dem, der die Möglichkeit hat, seine Lektion unter „friedvollen“ Umständen zu lernen, vielleicht allmählich und nicht unter gefühlt „brutalen“, die einen von jetzt auf gleich mit dem Tod eines geliebten Menschen…

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Wolken

Wolken

Am nächtigen HimmelEin Drängen und Dehnen,WolkengewimmelIn hastigem Sehnen, In lautloser Hast– Von welchem ZugGebietend erfaßt? –Gleitet ihr Flug, Es schwankt gigantischIm MondesglanzAuf meiner SeeleIhr Schattentanz, Wogende Bilder,Kaum noch begonnen,Wachsen sie wilder,Sind sie zerronnen, Ein loses Schweifen …Ein Halb-Verstehn …Ein Flüchtig-Ergreifen …Ein Weiterwehn … Ein lautloses Gleiten,Ledig der Schwere,Durch aller WeitenBlauende Leere. (Hugo von Hofmannsthal)